Sieben Plots müssen wir kennen, sagt der britische Journalist Christopher Booker. Mehr Erzählmuster gibt es nicht. Alle Stories, die wir erzählen, sind nur Variationen oder Wiederholungen dieser sieben Plots. Ganz gleich, ob es sich um Literatur handelt, um Filme oder um Unternehmensgeschichten.

Booker geht von folgender Annahme aus: Alle Erzählungen, die es gab und geben wird, beruhen auf ganz wenigen Schemata, gespeichert in den Gehirnen der Autoren und der Leser. Sein Werk basiert auf der Archetypenlehre des Freud-Schüler C.G. Jung sowie auf den Erkenntnissen des amerikanischen Mythenforschers Joseph Campbell, der Heldenreise.

Wie sehen diese Basic Plots aus? Die Übersicht:

  1. Das Monster überwinden (Overcoming the monster)
  2. Vom Tellerwäscher zum Millionär (Rags to riches)
  3. Die Suche (The quest)
  4. Reise und Rückkehr (Voyage and return)
  5. Komödie (Comedy)
  6. Tragödie (Tragedy)
  7. Wiedergeburt (Rebirth)

Sämtliche Geschichten der Menschheit, behauptet Booker, lassen sich auf diese Handlungsschemata zurückführen. Mehr noch: Diese Plots lassen sich selbst wieder auf eine einzige grundlegende Idee zurückführen: Das ist die psychische Entwicklung des Menschen. Alle Figuren sind nur Aspekte des Ich. Wenn wir Romane lesen, ins Kino oder Theater gehen, erleben wir die schillernden Varianten unseres eigenen Seelenlebens.

Es ist wie beim Kasperletheater, wo wir zugleich zwei Figuren spielen. Nur haben wir genügend Hände, um das gesamte Personal des Puppenspiels zu sein. Wir sind das, immer wieder wir, seit Tausenden von Jahren. Denn im Kern haben wir uns ebenso wenig verändert, wie die Geschichten, die wir erzählen.

Die Basic Plots mit Beispielen:

1. Das Monster überwinden

Dracula, James Bond, Der weiße Hai – sie alle folgen dem gleichen Muster: Etwas tyrannisiert die vertraute Welt, und die Aufgabe des Helden ist es, den Frieden wiederherzustellen. Dafür muss das Monster – Dracula, Dr. No, der weiße Hai – getötet werden. Die Handlung bewegt sich in fünf Schritten: die Berufung des Helden, erster Erfolg und Frustration, Alptraum, wundersame Flucht und schließlich Tod des Monsters. Es ist ein Muster, das jeder sofort erkennt.

Im Unternehmenskontext erscheint mir dieser Master Plot ideal im Kontext einer Mission. Die Welt besser machen, indem man sich dem Bösen entgegenstellt.

2. Vom Tellerwäscher zum Millionär

Der typische Märchenplot, zu finden in Cinderella oder Aladdin und die Wunderlampe. Oder auch in der Geschichte von Joseph aus dem Alten Testament. Ein ganz normaler Mensch, von allen eher missachtet, verwandelt sich in eine ganz besondere Persönlichkeit.

Diese Verwandlung findet in fünf Schritten statt: Wir begegnen dem Held oder der Heldin in einem unglücklichen Zustand, meist dominiert von einer dunklen Gestalt. In diesem Zustand erhält sie den Ruf des Schicksals. Sie gelangt hinaus in eine andere Welt, hat erste Erfolge. Dann folgt die Krise: Alles geht schief. Heldin oder Held wachsen an diesen Unwägbarkeiten und meistern im vierten Schritt eine abschließende Prüfung. Der letzte Schritt ist eine glückliche Vereinigung. Prinzen oder Prinzessin warten. Und alle sind glücklich bis an ihr Lebensende.

Mitarbeiter lieben Kollegen, die es von ganz unten nach oben geschafft haben. Die Wirtschaft liebt nerdige Startups, die es an die Spitze schaffen. Rags to Riches ist ein herzerwärmender Plot, der mit Sicherheit im Unternehmenskontext gern weitererzählt wird.

3. Die Suche

Das ist das Muster der Odyssee, des Herrn der Ringe, der Jäger des verlorenen Schatzes. Natürlich findet es sich auch in Findet Nemo oder Findet Dory. Der Held wird zu einem meist fernen Ziel gezogen. Erst dort kann er seine Mission erfüllen. Die Freier töten und seinen Platz als König, Ehemann und Vater wieder einnehmen. Den Ring in das Feuer werfen, in dem er geschmiedet wurde. Die Bundeslade finden. Den verlorenen Sohn oder die Familie.

Das sind die fünf Schritte: Es beginnt mit dem Ruf des Helden, dann folgt dessen Reise, auf der er Gefährten findet, die mit ihm ziehen. Ankunft und Frustration, das Ziel scheint weiter entfernt als zuvor. Beim vierten Schritt muss der Held eine Reihe von Prüfungen überstehen, von denen die letzte die schwerste ist. Schließlich erreicht er sein Ziel.

Odysseus ist wieder König in seinem Reich. Frodo hat den Ring zerstört und damit Saurons Macht, und er kann zurück in das Auenland. Indiana Jones hat die Bundeslade gefunden und als einziger ihre Macht überlebt. Nemo und Dorys Familie werden gefunden.

Die Suche ist das Grundmuster schlechthin für Unternehmensführung. Es gibt ein klares strategisches Ziel. Das Gesuchte steht fest, nur der Weg dorthin ist abenteuerlich. Nach diesem Schema lassen sich alle Unternehmensgeschichten erzählen.

4. Reise und Rückkehr

Diesen Master Plot nutzen zum Beispiel Lewis Carrols Alice im Wunderland oder Margaret Mitchells Vom Winde verweht. Held oder Heldin verlassen ihre gewohnte Welt und gelangen in eine fremde Welt, aus der sie nach einigen Abenteuern wieder zurückkehren. Im ersten der fünf Schritte sehen wir den Helden in die fremde Welt fallen wie Alice in den Kaninchenbau. Sie entdecken eine spannende neue Umgebung. Es folgt eine Phase der Frustration, ein Schatten legt sich über alles. Darauf folgt eine Alptraumphase. Schließlich findet sich die Heldin wieder in ihrer gewohnten Welt.

Dieser Plot ergänzt im Unternehmensumfeld die Suche. Überall wo Dinge ausprobiert werden. Ein neues Projekt. Eine neue Stelle. Ein neuer Arbeitgeber. Rückkehr ist immer eine Option. Im Leben und im Reich der Stories.

5. Komödie

Der Film Vier Hochzeiten und ein Todesfall ist ein schönes Beispiel, ebenso wie Jane Austens Stolz und Vorurteil. Komödien bringt Booker nicht in ein gewohntes Fünferschema, weil er zu viele Variationen entdeckt. So bleibt er bei drei Schritten. Wir betreten eine kleine Welt, über sie legt sich ein Schatten von Verwirrung, Unsicherheit oder Frustration. Die Menschen sind voneinander getrennt. Die Verwirrung nimmt im zweiten Schritt noch zu, bevor im dritten Schritt alle wieder klar sehen und der Schatten verschwindet.

Anders als die ersten drei Plots, wo Held oder Heldin eine Transformation durchlaufen und das Böse ausradiert wird, verwandelt sich das Böse in der Komödie oft in das Gute, damit wirklich alle wieder glücklich miteinander sind.

Für romantische Komödien bietet das Arbeitsleben genügend Stoff. Hier geht es ja vor allem um eins: Liebesgeschichten.

6. Tragödie

Goethes Faust oder Nabokovs Lolita folgen tragischen Mustern. Das Bildnis des Dorian Gray. Der wesentliche Unterschied zu allen anderen Plots liegt im Ende: Der Held erreicht nicht das Ziel, das er sich vorgenommen hat. Er scheitert, stirbt. Er hat sich auf einen Kurs eingelassen, der dunkel oder verboten ist, und das funktioniert nur für eine Weile hervorragend, dann muss er den Tribut zahlen.

Die Abfolge: Der Held ist unzufrieden. Etwas fehlt. Im zweiten Schritt findet er seinen Weg und alles scheint in Ordnung. Dann setzt Frustration ein. Die Dinge laufen schief, der Held findet keine Ruhe mehr. Vierter Schritt: Alles spitzt sich zu, der Held ist verzweifelt, die Kontrolle ist ihm vollständig entglitten. Schließlich stirbt er durch die Kräfte, die er heraufbeschworen hat. Manchmal sterben auch alle, wie in Lolita.

Tragödien werden in Unternehmen gern verschwiegen. Man mag nicht darüber sprechen. Das halte ich nicht für klug. Kein Erfolg ohne Scheitern.

7. Comeback

Keine Geschichte erklärt diesen Master Plot besser als Schneewittchen. Die Heldin wird wegen ihrer Schönheit schikaniert von der bösen Schwiegermutter. Sie flieht zu den sieben Zwergen, und für eine Weile sieht es so aus, als hätte sich alles zum Guten gewendet. Doch das Spiel wendet sich, die Heldin wird von einem vergifteten Apfel in einen Zustand zwischen Leben und Tod befördert. Dieser Zustand hält für eine lange Zeit an und es scheint, als habe die dunkle Macht gesiegt. Doch dann, im fünften Schritt, wird die Heldin auf wunderbare Weise gerettet. In Schneewittchens Fall rettet sie ein Prinz. Ihre Wiedergeburt bedeutet zugleich den Untergang der dunklen Macht. Die böse Schwiegermutter muss so lange in glühenden Eisenpantoffeln tanzen, bis sie tot ist.

Klingt nach Steve Jobs. 1984 aus seiner eigenen Firma, Apple, gedrängt, kommt er 1997 auf wundersame Weise zurück und rettet das Unternehmen, das sich am Rande des Abgrunds befindet. Sein Vorgänger, Gil Amelio, muss nicht in Eisenpantoffeln tanzen, aber sein Geist wird aus dem Unternehmen vertrieben. Er repräsentiert das Böse in einer längeren Kette von „bösen“ CEOs.

Das Comeback lässt sich auf allen Ebenen erzählen: Menschen, Firmen, Produkte.