Über das Thema Storytelling in Architektur und Design sprach ich mit Patrick Voigt, Gründer und Geschäftsführer von 22quadrat, einem interdisziplinären studio, das sich mit der Analyse und Visualisierung von Purpose und Unternehmenskultur befasst.

Worin liegt die Erzählkraft des Raums?

Der Raum kommuniziert mit dem Menschen über alle seine Sinne. Wir fühlen, riechen, schmecken, spüren, hören, sehen. Gaston Bachelard hat einmal gesagt, der Raum speichert komprimierte Zeit. Diese nehmen wir nach Schmitz über unseren sogenannten Leib in Form von Atmosphären wahr. Kein anderes Medium interagiert so stark mit uns wie der Raum. Dieses Verständnis lassen wir in unsere Innenarchitekturen, Ausstellungsgestaltungen und Orientierungssysteme mit einfließen.

Das faszinierende am Raum ist zudem, dass wir Menschen ihn nicht logisch-rational ergründen sondern intuitiv über das Erspüren. Dies ist eine wesentlich intensivere Form der Kommunikation als unsere Sprache. Sobald ein Mensch einen Raum betritt, interagiert er mit diesem, ob er es will oder nicht. Da läuft vieles über das Unbewusste ab. Diese Potenziale werden heutzutage noch viel zu wenig berücksichtigt. Hat der Mensch es aber verinnerlicht erkennt man sofort, warum manche Räume funktionieren, andere hingegen nicht – erkennt man, warum sich an manchen Orten Menschen wohlfühlen und an den anderen eben nicht. Man kann daher konstatieren, dass ein Raum sehr viel über seinen Besitzer aussagt und einen großen Einfluss auf seine Nutzer ausübt. Das gilt gerade in Arbeits- und Markenwelten, aber genauso an öffentlichen Orten.

Wie kann ich mir so eine Geschichte, die ein Raum erzählt, vorstellen?

Häufig entwickeln wir die Arbeitswelten für Unternehmen und Organisationen oder ihre Marken- und Erlebniswelten auf Messen und Events. Dafür beobachten und fragen wir intensiv, um drei relevante Eckpunkte zu verstehen, die sich visualisieren lassen.

Menschen synchronisieren sich immer mit dem Raum. Was er kommuniziert, sollte bewusst formuliert werden

Die einfachste Beobachtung ist immer, WAS das Unternehmen, die Organisation tut. Sie bauen beispielsweise Autos oder sie entwickeln vielleicht digitale Lösungen für ihre Kunden. Etwas anspruchsvoller ist es zu erkennen, WIE diese Organisation vorgeht. Wie sie ihre Werte lebt, wie sie ihre Mitarbeiter und Kunden sieht und diese behandelt. Aber auch, wie sie mit ihren Produkten umgeht. Die größte Herausforderung ist aber immer das WARUM, die Bedeutung, der Sinn, der hinter dem Unternehmen steht. Aus diesen drei Bausteinen entwickeln wir dann die Eckpfeiler für das anschließende Storytelling.

Das Storytelling selbst findet primär über Metaphern und Archetypen statt. Durch eine bewusste Gestaltung können diese Urbilder im Menschen geweckt werden. Der Psychologe Carl Gustav Jung hat sich intensiv mit der Thematik befasst. Für diese Bilder braucht es keinen Intellekt, muss man nichts wissen oder verstanden haben. Sie teilen sich jedem Menschen mit. Viele Archetypen sind kulturübergreifend, manche sind natürlichen Ursprungs, manche sind künstlich geschaffen worden. Sie alle „arbeiten“ in uns. Der Ursprung des runden Esstisches beispielsweise hat seinen archaischen Ursprung im Lagerfeuer, das ein Ort des Austausches von Wissen, des Schutzes und der Nahrungszubereitung und -aufnahme war. Dieses Bild ist in jedem Menschen verankert, wenn auch unbewusst. Kulturelle Prägungen können da zum Teil allerdings auch unterschiedliche Raumwahrnehmungen erzeugen, je nachdem, welcher Metapher man sich bedient. Da sich die Vermittlung der Geschichte primär über das Spüren abspielt, müssen alle Formen und Materialien daher mit großer Sorgfalt gewählt werden, denn alles kommuniziert und illustriert, ob man will oder nicht. Jede Farbe steht für etwas, ebenso jedes Material. Selbst jede Holzart hat ihre spezifischen Eigenheiten.

Menschen synchronisieren sich immer mit ihrem Raum, unabhängig davon, was er vermittelt. Daher sollte das, was er kommuniziert, bewusst formuliert werden, damit man Menschen unterstützt anstatt es ihnen schwerer zu machen.

Gute Architekten führen den Besucher behutsam an die Architektur heran

Woher wissen sie, ob Menschen eine Geschichte auch so wahrnehmen, spüren, wie sie intendiert ist?
Als Gestalter kann man nur die Rahmenbedingungen schaffen. Gernot Böhme hat einmal gesagt, dass Atmosphäre immer etwas zwischen Subjekt und Objekt ist. Das bedeutet, der Ort bringt etwas mit, der Mensch aber auch. Das zu spürende Resultat ist dann eine Wechselwirkung zwischen Ort und Individuum – im Positiven wie Negativen. Doch über die erarbeiteten Metaphern und Archetypen lassen sich mithilfe des Storytellings die inhaltlichen Grundstimmungen und damit verbundenen Bilder in das gewünschte Fahrwasser bringen.

Sensible Menschen spüren zum Beispiel eine Form von Schwindel, wenn sie sich in Räumen aufhalten, die ihnen einen Holzboden vorgaukeln, der in Wirklichkeit aber aus einem anderen Material, beispielsweise Kunststoff, besteht. Sie sehen zwar auf den ersten Blick schön aus, erzeugen aber nicht die gewohnte warme Raumatmosphäre, die für das Material Holz typisch ist: Es schaut zwar so aus, fühlt sich aber nicht so an, und das Fühlen macht knapp 80% unserer täglichen Wahrnehmung aus, sofern wir uns nicht im Stressmodus befinden. Der Schwindel des Raumes erzeugt somit einen Schwindel im Nutzer. Das kennen wir alle von der Schiffsfahrt. Den Menschen wird unter Deck schwindelig, weil der Körper die Bewegung der Wellen zwar spürt, der Raum jedoch unbeweglich scheint. Auf Deck kann das Auge dann wieder die gespürte Bewegung mit dem äußeren Raum synchronisieren, so dass sich der Körper alsbald wieder beruhigt.

Ein Raum vermittelt Werte und Unternehmenskultur

Gute Architekten führen den Besucher daher auch behutsam an die Architektur heran. Ein gutes Beispiel ist der Bau von Tadao Ando auf dem Vitra-Gelände in Weil am Rhein. Mit dem Weg entlang der Fassade beginnt eine Reise, die verschiedene Etappen oder auch “Bühnen“ bereithält. In Japan werden beispielsweise Raumnischen in einem samtigen schwarzen Lack gehalten, der das Licht schluckt und reflektiert zugleich, sodass dort, wo der physische Raum endet, der gedankliche oder auch geistige Raum sich entfalten kann – Phantasie ist ja bekanntlich das, was das Auge eben nicht sieht. Durch gewisse Raumabfolgen “reist“ der Besucher durch offene, lichtdurchflutete Räume, die beleben und die Kommunikation fördern, passiert dunkle, niedrige Räume, die eine angenehme und ruhige Atmosphäre evozieren. Steinräume erzeugen das archaische Bild einer Höhle, Holzräume wiederum erzeugen eine warme Atmosphäre, die uns an Waldlichtungen erinnert. Hohe Räume erzeugen ein demütiges Gefühl, kleine Räume ein schützendes.

Es ist wirklich interessant, wenn man sich mit Menschen unterhält, die solche bewusst gestalteten Orte erlebt haben, berichten sie zwar ihre individuellen Erlebnisse, doch es gibt immer Verbindungen zwischen diesen unterschiedlichen Erzählungen, die sich immer mit dem dahinter liegenden Archetypen erklären lassen.

Die Auswahl der Raumfunktionen kommuniziert, was ich von den Menschen erwarte

Auf Ihrer Webseite fand ich den Satz, dass ein Raum Werte und Unternehmenskultur vermitteln kann? Ein Raum wird so zum strategischen Gestaltungselement, oder? Wie kann ich mir das vorstellen?
Wie oben schon beschrieben kommuniziert ein Raum 24/7 mit seinem Nutzer und ist eine große Plaudertasche wenn es darum geht, etwas über seinen Besitzer zu verraten. Im Kybalion gibt es den Satz „Wie oben, so unten.“ Er bedeutet, dass Innen und Aussen ein Spiegelbild Desselben sind. Faktische, rationale Menschen gestalten ihre Räume ebenso faktisch, nüchtern, klar. Naturverbundene Menschen werden viele natürliche Materialien zum Einsatz bringen. Empathische, emotionale Menschen zeigen ihre innere Vielfalt auch in räumlicher Vielfalt – durch Farben, vielfältige Möbel und Raumangebote, Accessoires, Bilder und dergleichen. Wenn eine Organisation also beispielsweise Holzimitate verwendet und somit auf gesundes, natürliches Holz verzichtet, visualisiert das einen gewissen Pragmatismus.

Gleiches gilt für Raumangebote. Wenn ich als Unternehmen nur faktische Räume anbiete – Einzelarbeitsplätze, Großraumbüro, Besprechungsräume und eine Kantine – kommuniziert die Auswahl der Raumfunktionen, was von den Menschen dort erwartet und akzeptiert wird. Das bedeutet, der Mensch kann an diesem Ort nur bestimmte Teile seines Potenzials abrufen, da die Raumfunktionen schon vorgegeben sind. Wenn es in einer Arbeitswelt hingegen ein vielfältiges Angebot an Raumtypen und -abfolgen gibt, die sich an den beruflichen Anforderungen aber auch am Wesen des Menschen orientieren, verrät dieser Ort es ganz anderes: Er verrät „Ich vertraue dir. Suche dir deinen Ort für deine Aufgabe. Suche dir deinen passenden Ort für deine innere Empfindung.“ Aus solchen Räumen kann dann das entstehen, was sich ein „Agiles Verhalten“ nennt. Die Vielfalt, die ihn umgibt, kann er durch die tägliche Synchronisation mit dem Ort auch in sich selber ausbilden. Denn ebenso, wie wir nach unserem eigenen Weltbild und Verständnis Räume nach unserem inneren Wesen gestalten, gestalten Räume auch uns.

Menschen orientieren sich im Alltag zu 80 Prozent an ihren Gefühlen

Und so werden vielfältige, flexible Raumangebote flexible Menschen hervorbringen. Ehrliche Räume werden ehrliche Menschen ausbilden. Und wenn Menschen von Ästhetik umgeben sind, werden sie auch lernen, Schönes aus sich selbst hervorzubringen. Diese Wechselwirkung ist absolut. Unternehmen, die das berücksichtigen, verankern ihre Werte durch die entsprechenden Materialien und Raumangebote im Raum und bilden dadurch Mitarbeiter und Kunden wesentlich nachhaltiger aus. Man hat es also ein gutes Stück weit selbst in der Hand, was man langfristig im eigenen Unternehmen etablieren möchte.

Heißt das, ein Raum trägt schlussendlich über Storytelling, das intuitiv erfasst wird, zum Unternehmenserfolg bei? Gibt es dafür Beispiele?

Eines der bekanntesten Beispiele ist der vielzitierte Apple-Store. Steve Jobs hatte ein für die damalige Zeit fast schon revolutionäres Konzept. Er wollte, dass die Menschen ausprobieren und die Produkte spielerisch erfahren. Danach hat er die Möbel und die Raumabfolge gestalten lassen. Er hat sogar über die Steinplatten im Store ein Flair erzeugt, der an die Gehwege Florenz ́erinnert und darüber die Sicherheit suggeriert, dass diese uralten Steinplatten für die Ewigkeit konzipiert sind. Dieses Gefühl überträgt sich auf alles, was in diesem Raum ansonsten noch zu finden ist – natürlich auch auf die Produkte.

Gleiches gilt für den schon genannten Vitra-Campus. Dort kann man das kulturelle Verständnis der Marke Vitra räumlich erleben. Diverse bedeutende Architekten haben dort ihre Spuren hinterlassen. Auch das Vitra-Museum trägt seinen Teil mit den wechselnden Ausstellungen und den Besuchern und Events dazu bei. Mit der Zeit haben diese Räume die Kultur und den Sinn von Vitra lesbar werden lassen, parallel zum Tagesgeschäft. Und zugleich wechselwirkt es aber auch wieder mit dem Tagesgeschäft.

Es geht beim Storytelling in Architektur und Design wieder mehr um den Menschen und um Interessengemeinschaften

Die Kultur der Marke schwingt in jedem Produkt, in jedem Möbel mit, auch über den Campus weit hinaus. Die Möbel sind zugleich ein Statement, das sich mit dem Gebäude verbindet, in dem sie später verwendet werden – zumindest, sofern der Ort mit wahrem Leben gefüllt wird. Dies ist vielleicht die wichtigste Bedingung für vermittelte Kultur am Ort: sie sollte täglich gelebt werden.

Im Grunde ist es so: Menschen orientieren sich im Alltag zu circa 80% an ihren Empfindungen und Gefühlen. Wenn sie einen Ort betreten, an dem sie sich wohlfühlen und der ihnen eine sinnliche Erfahrung ermöglicht, der sich synchron zu dem rational Erfahrenen zeigt, speichert man dieses Erlebnis – und damit den Ort, das Gebäude, das Unternehmen – positiv ab. Das gilt für Mitarbeiter, Kunden oder Besucher. Wenn ich als Besucher auf einem Messestand eine gute Inszenierung in Form einer temporären Architektur erlebe, die mir ähnlich einem Film eine Geschichte erzählt, ergeben sich automatisch tolle Gespräche vor Ort. So ein Ort macht es einem Mitarbeiter dieses Unternehmens viel leichter, mit Besuchern in einen ehrlichen und nachhaltigen Dialog zu kommen. Unangenehme Gefühle wie “Der will mir doch bloß etwas verkaufen“ stellen sich so nicht ein. Produkte verkaufen sich parallel zum Gespräch, sie sind aber nicht mehr der einzige Grund für das Gespräch. Es geht wieder mehr um den Menschen und um Interessengemeinschaften.

Der Raum kann die unterschiedlichsten Wahrnehmungstypen abholen

Denn niemand ist gern Objekt. Wichtig hierbei ist natürlich, dass es keine Manipulation ist sondern ernst gemeinte Kommunikation: Wir lieben unsere Produkte, sehen darin einen Mehrwert für die Gesellschaft/ Wirtschaft und möchten diese Idee in die Welt bringen. Und Menschen, die sich für den dahinter liegenden Sinn ebenfalls interessieren, können sich überlegen, ob diese Produkte auch in ihrer Welt Sinn ergeben. Sie bleiben ihnen jedenfalls im Gedächtnis und die Menschen werden zum externen Werte- und auch Markenbotschafter, weil sie sich über die Geschichte und ihre Bedeutung mit der Organisation verbunden fühlen.

Wie greifen Raum-Storytelling klassisches Storytelling mit Worten oder Bildern ineinander?

Primär in der grundlegenden Stimmung, die sie vermitteln möchten. Wörtliche Geschichten greifen auf andere Kommunikationsebenen zurück als Räume. Über Geschichten denke ich nach und schaffe Bilder in meinem geistigen Auge, während ich ihr bewusst lausche oder sie lese. Sie finden im Inneren des Menschen statt. Räume erfahre ich auf eine andere Weise, da dort alle Sinne zusammenlaufen und ein multisensorisches Erfahren auf diversen Ebenen ermöglichen, innerlich und äußerlich zugleich. Das Schöne daran ist, dass der Raum unterschiedlichste Wahrnehmungstypen „abholen“ kann. Der eine reagiert eher auf Klang, der nächste auf Sprache, ein Anderer wiederum auf Geruch oder Haptik. Die Geschichten bzw. Metaphern müssen daher übersetzt werden mit allen Mitteln, die der Raum bereitstellt – Material, Atmosphäre, Licht, Proportion, aber auch Schrift und Bild bzw. Grafik. Es ist daher sinnvoll, die Symbol- und Bedeutungsebenen von Formen, Farben und Materialien zu verstehen, um sie entsprechend anwenden zu können. Im schlimmsten Fall versteht man nicht, welche Information man im Raum verankert, wie im Beispiel des Kunststoffs in Holzoptik vorhin beschrieben.

Der Raum muss immer interpretierbar bleiben, um ihn durch einen eigenen Beitrag mit Leben anreichern zu können

Jedes Ausdrucksmedium greift auf seine ihm zur Verfügung stehenden Möglichkeiten zurück und interpretiert die Metapher eigenständig. Deswegen können Farben aus dem Corporate Design auch nicht eins zu eins auf Räume übertragen werden. Ein Blau in der Broschüre formuliert im Raum eine gänzlich andere Aussage. Das bedeutet, man muss nicht nur fachkundig sein hinsichtlich der Möglichkeiten von Architektur und Interieur, man muss auch die Symbolsprache beherrschen und übersetzen.

Es gilt, Schwellenräume zu schaffen, die der Mensch mit seinen eigenen Gedanken und Empfindungen noch anfüllen kann. Der Raum muss immer interpretierbar bleiben, um ihn durch einen eigenen Beitrag mit Leben anreichern zu können. So wird er zum interaktiven Stagedesign, in dem der Besucher zum Protagonisten seiner eigenen Geschichte wird. Und wenn er sich an einem Markenort befindet, dann verbinden sich Marke und Mensch nachhaltig miteinander. Das ist wie bei einer Geschichte mit offenem Ende, über die man noch lange nach dem Fertiglesen grübelt. Sie bleibt länger im Gedächtnis – sowohl in der linken als auch in der rechten Gehirnhälfte.

Wenn ein Unternehmen mit Ihnen arbeitet – wie gehen Sie vor? Welche Techniken nutzen Sie, um dessen Geschichten zu finden und zu erzählen? Wie kann ich mir so eine Umsetzung schrittweise vorstellen? Ein Beispiel

Grundlegend sind wir sehr aufmerksame und achtsame Zuhörer und Beobachter. In der Regel entblättern wir erst einmal und schauen uns den grundlegenden Kern des Unternehmens, der Organisation an. Oftmals starten wir in ein Projekt auch über systemische Tools und unvoreingenommene Fragen. Denn die wichtigsten Infos finden sich meist zwischen den Zeilen und abseits des Tagesgeschäftes. Aus den vermeintlich unbedeutendsten Fragen haben wir schon oft wahre Goldschätze geborgen. Das sorgt dann oft in den unternehmensinternen Marketingabteilungen für große Augen und weckt im Anschluss daran direkt große kreative Potenziale.

Die Poesie der Schatten spielt eine wichtige Rolle im Storytelling in Architektur und Design

Wir arbeiten gerade an einem schönen Projekt. Angefragt wurde eine Raumgrafik und ein Orientierungssystem für eine Arbeitswelt. Zuerst gehen wir intern in die Analyse, lesen, recherchieren, reflektieren und entblättern vieles… Daraus lassen sich erste Ansätze für die oben genannten Archetypen erkennen. Das nehmen wir als Basis mit und gehen in einen systemischen Workshop mit dem Kunden. Zuerst stellen wir viele offene Fragen, unabhängig von unseren Analysen. Dann öffnen wir einen gedanklichen „Raum“, und lassen eine Diskussion anhand unserer These entstehen. Die Ergebnisse dieses Austausches bilden die Grundlage unserer Ideenskizze in Form eines Kommunikationskonzeptes und den dazugehörigen Gestaltungsansätzen.

Im Falle dieses Kunden hatte die Präsentation zur Folge, dass ein großer Knoten geplatzt ist und er sich nun mit einer inspirierenden Klarheit um seine Markenkommunikation und -erscheinung kümmert, da ihm durch die Fragen Ideen gekommen sind, die vorher durch unzählige Informationsschichten überlagert waren. Manche gehen diesen Weg im Anschluss mit ihrer eigenen Marketingabteilung, viele gehen ihn aber auch gemeinsam mit uns, um einen Koordinator dabei zu haben, der das große Ganze im Auge behält, den roten Faden.

Ein gutes Beispiel ist das Projekt „Poetry of Shadows“ für die Alteme Licht Ag aus der Schweiz.

Die Altme ist ein Hersteller hochwertiger Leuchten für Arbeits- und Lebenswelten. Sie sind technisch anspruchsvoll und haben ein gutes Gespür für zeitüberdauerndes Design. Als wir sie kennenlernten, zeigten sie uns einen Entwurf von einem Planer für ihren damaligen Messestand auf der Messe Light + Building in Frankfurt, einer der größten und relevantesten Lichtmessen weltweit. Der Stand war gut gestaltet, aber es wäre egal gewesen, ob dort Leuchten oder Waschmaschinen gezeigt worden wären. Wir haben uns gemeinsam mit ihnen ein paar Messestände hochwertiger Leuchtenhersteller angeschaut. Sie waren fast immer sehr gut gestaltet, hochwertige Materialien, weiße Wände.

Räume gestalten uns wie wir die Räume gestalten

Man konnte zwar die Produkte sehen, aber nicht die Qualität des Lichts – auf weißen Wänden war es einfach schwierig, das Licht zu erkennen, gerade, wenn dort mehrere Leuchten nebeneinander gezeigt wurden. Sie nivellierten sich gegenseitig. Dann wurde uns irgendwann klar, dass es einen Raum braucht, einen Dialog, ein Gegengewicht zum Licht. Ohne Dunkelheit kann man Licht nicht lesen, ohne Schatten entsteht keine Poesie im Raum, keine Atmosphäre. Da war die Story „Poetry of Shadows“ geboren. In der darauffolgenden Zeit besuchten wir die Alteme regelmäßig in ihrer Produktion in Aarau. Wir beobachteten ihre Räume, ihren Umgang mit den Produkten, man zeigte uns ein kleines Wäldchen in der Nähe der Produktion, in dem man ab und an spazieren ging, reflektierte.

Diesen Ort dokumentierten wir – die Heimat und geistige Inspiration, die immer wieder zu neuen Produktansätzen führte [denn Räume gestalten uns wie wir sie…]. Entstanden ist ein Messestand, der aus einem Stelenwald bestand, der Anmutungen über das Geschehen im Inneren zuließ, aber nie das Ganze offenbarte – er schürte die Neugier, diesen Ort zu inspizieren. Grundlage dafür war ein offenes Storytelling, das den Betrachter als Teil der Geschichte involvierte. Die Stelen wurden im Übrigen beispielsweise aus dem Material gefertigt, aus dem die Altemeprodukte gefertigt werden. Innen war der Stand ruhig gehalten, eine dunkle Anmutung mit sogenannten Schattenkabinetten, wo die hochwertigen Leuchten wie Kunstexponate ausgestellt wurden, die sich selbst ausleuchteten. Sie bildeten so zwei Ebenen ab: zum einen ihre hohe technische wie atmosphärische Lichtqualität, und zum zweiten den hohen ästhetischen Designanspruch der Produkte.

Ein Bild entwickeln, dass Mitarbeiter jeden Tag an ihre gemeinsame Mission erinnert

Während alle anderen Hersteller auf Objekt, Lautstärke und Halligalli setzten, schuf Alteme eine Oase der Ruhe inmitten des Messerummels. Auch aus diesem Grund betraten viele Besucher auf der Suche nach Ruhe den Stand und lernten die Alteme erstmals kennen – und kamen direkt mit den Mitarbeitern vor Ort ins Gespräch! Man sprach über Atmosphäre und Lichtkultur, über Design und Poesie.

Es war ein toller Event. Das Konzept wurde noch lange danach fortgeführt und als Kommunikationstool auf weitere Medien übertragen.

Ein weiteres Beispiel ist ein Energieanbieter aus Süddeutschland. Er lässt sich zur Zeit von einem Architekturbüro eine neue Firmenzentrale bauen. Parallel werden sie von einem Organisationsentwickler begleitet, um sich zu einer Sinn stiftenden Organisation weiterzuentwickeln. Der Gedanke dahinter lautet, dass ein Standortwechsel immer auch einen inneren Standortwechsel mit sich bringt. Für diesen Kunden haben wir zuerst ein Kommunikationskonzept entwickelt, dass die Verbindung zwischen ihren Produkten und Mensch/Mitarbeiter zu der Energie aufzeigt, die uns Menschen jeden Morgen aufstehen lässt. Die uns durch den Tag begleitet, uns lieben und streiten lässt, die unsere Leidenschaft für unsere Berufung nährt.

Aus diesem Kommunikationskonzept haben wir eine Raumgrafik entwickelt. Sie soll eine wichtige Erinnerungsarbeit leisten während des Transformatiosprozeßes hin zu einer zukunftsfähigen Organisation, die auch die nachrückenden Generationen mit deren [neuen] Werte ohne Reibungsverluste ins Tagesgeschäft einbinden möchte. Diese Wandlungsprozesse sind langwierig und mit Arbeit verbunden. So war es eine sinnvolle Idee, ein Bild zu entwickeln, dass die Mitarbeiter „aller Couleur“ jeden Tag an ihre gemeinsame Mission erinnert. Dies ist gerade in Zeiten sinnvoll, wo man vom „An-sich-arbeiten“ müde wird und man das gemeinsame Ziel aus den Augen verlieren könnte.

Nicht der Wille ist der Antrieb unseres Handelns, sondern unsere Vorstellungskraft

Parallel haben wir für die Organisation Arbeitswelten konzipiert, die eine flexible Nutzung der Räume zulassen und die das Thema der Energie mit den Mitteln der Innenarchitektur illustrieren. Die den Austausch untereinander fördern ebenso wie die individuelle, introvertierte Arbeit. Das Raumprogramm umfasste diverse Arbeitsplatzsituationen und Begegnungsorte. Offenheit und Geschlossenheit gehen dort fließend ineinander über. Und es kommen natürliche Materialien zum Einsatz. Vollholzräume beispielsweise ersparen uns Menschen pro Tag ca. 8000 Herzschläge gegenüber Räumen in Trockenbauweise. Das bedeutet, dass in Trockenbauräumen der Mensch viel mehr Energie aufbringen muss, um das gleiche Pensum zu erfüllen wie in Vollholzräumen. Gerade hinsichtlich der Thematik “Energie“ gab es diesbezüglich viel Zustimmung. Das Projekt befindet sich zurzeit noch im Bau.

Wo sehen Sie die Grenzen der Erzählkraft des Raums?

Es gibt neben dem Raum kein weiteres Medium, das zeitgleich mit allen Sinnen des Menschen kommuniziert. Ich denke daher, die Grenzen bringen eher die individuellen Menschen durch ihre persönlichen Erfahrungen und die damit verbundene Offenheit bzw. Verschlossenheit mit. Wenn Menschen sich das Spüren versagen oder gelernt haben, ihre Gefühle zu ignorieren, um Verletzungen zu entgehen, sind sie natürlich verschlossener für intuitives Empfinden oder versuchen es zu überspielen, bzw. es zu ignorieren. Auch gibt es hier viele unbewusste, meist künstliche Archetypen, die da greifen und eventuell für dieses Verhalten verantwortlich sein können. Doch auch wenn ich mich wiederhole ist es so, dass über die Zeit die Räume uns ebenso gestalten wie wir sie. Das hat selbst Winston Churchill schon gesagt. Und wir erleben es regelmäßig in unseren eigenen Büroräumen, wenn wir von Kunden und Partnern besucht werden. Der Mensch ist ein empfindendes Wesen und gute Räume erreichen und sensibilisieren alle Menschen – jeden zu seiner Zeit.

Ein Stück weit muss das Phantastische immer anwesend sein in einer Story

Warum ist die Erzählkraft des Raums eigentlich ein Thema für Sie?

Seit ich denken kann, bin ich Cineast und Bücherwurm. Ich liebe es, gedanklich durch Bücher, Filme, Hörspiele und physisch durch die Natur und gute Architekturen zu wandeln. Und ich bin Gestalter mit jeder Faser meines Seins – wie alle bei 22quadrat. Der Raum und die menschliche Wahrnehmung sind spannende und noch größtenteils unerforschte oder vergessene Themen und eines der größten Mysterien überhaupt. Das gilt im übrigen für viele vermeintlich alltägliche Themen. Da man sich jeden Tag mit diesen Dingen wie dem Raum umgibt, das Wort „Raum“ täglich nutzt, meint man, alles darüber zu wissen. Nichts könnte ferner liegen. Gleiches gilt zum Beispiel für das Thema „Zeit“ oder „Wasser“. Die Liste ließe sich unendlich weiterführen. Da bin und bleibe ich Kind, ich denke, das gleiche für alle bei uns im Team.

Émile Coué hat mal gesagt „Nicht der Wille ist der Antrieb unseres Handelns, sondern die Vorstellungskraft.“ Ich bin fest davon überzeugt, dass für jede gegenwärtige wie zukünftige Herausforderung, die das Leben für uns als Individuen wie auch für uns als Zivilisation bereithalten wird, unsere Phantasie und Vorstellungskraft immer die Lösung hervorbringen wird. Das zeigen uns schon kleine Kinder jeden Tag. Dafür wollen wir Bedingungen schaffen. Die Schulen haben vielen Menschen ihre intrinsische Motivation und Kreativität abtrainiert im Laufe der Zeit, da gilt es, einiges wieder zu beleben. Gerade in der Wirtschaft sehen wir da unglaubliches Potenzial. Die immer wiederkehrenden schlechten Umfragewerte der jährlichen Gallupstudien sind ein guter Gradmesser dafür, dass es noch großes Ausbaupotenzial gibt. Und Räume können die Phantasie durch ihre vielfältigen Kommunikationsangebote wiederbeleben zu neuen Perspektiven und Innovationen beitragen. Deswegen forschen wir in jeder freien Minute an den Themen Mensch, Natur und Raum.

Ich liebe Menschen, die sich aus ihrer Komfortzone hinaus trauen und neue Horizonte erobern

Wer oder was inspiriert Sie?

Die Inspiration kommt aus den unterschiedlichsten Richtungen. Insgesamt liebe ich Menschen, die sich aus ihrer Komfortzone hinaus trauen und neue Horizonte erobern. Als Kind habe ich Hörspiele verschlungen. Gerade in den 80ern gab es fantastische Sprecher und die Atmosphären waren unglaublich dicht, ob nun „Die drei ???“, „Larry Brent“ oder die die Gruselgeschichten von H.G: Francis. Durch die Faszination für das Unbegreifliche bin ich in jungen Jahren bei Stephen King gelandet. Manche seiner Kurzgeschichten wie „Der Jaunt“ finden noch heute Eintritt in unsere Arbeiten – in diesem speziellen Fall wurde die Kurzgeschichte Teil einer Ausstellungsgestaltung für Union Investment.

Über diese empfindungsintensiven Geschichten haben wir uns auch gestalterisch über die starke Empfindung „Angst“ im Studium lange mit Raumphänomenen befasst. Schöne, wohlige Empfindungen sind viel leichter, schneller vergänglich und anspruchsvoller. Es hat lange gedauert, bis wir eine klare Vorstellung davon hatten, welche Grundlagen dafür geschaffen werden müssen, wie sie zu erzeugen sind. Ein Stück weit muss das Phantastische immer anwesend sein in einer Story, damit sie auch vermag, die Phantasie anzuregen, damit es eine Synchronisation gibt zwischen Mensch und Raum.

Aber auch die „Lustigen Taschenbücher“ hatten eine ganze Zeit lang richtig gute Geschichten, gerade in den 90ern. Sie entsprangen zum Teil aus der Weltliteratur und den großen mystischen Geschichten der Menschheit. Regisseure wie Lars van Trier haben sich dort in der Vergangenheit auch schon bedient für große darauf aufbauende Kinoerfolge. In der Literatur gibt es viele inspirierende Menschen und Geschichten, spontan kommen mir die Strugazki-Brüder aber auch René Daumal mit seinem offenen Roman „Der Berg Analog“ in den Sinn. Daumal hat die Gedankenreise in mir fortführen lassen, dass es Orte gibt, für die man eine gänzlich neue Betrachtungsweise oder Perspektive braucht; dass es Dinge gibt, die sich nicht sofort zu erkennen geben, die einer besonderen Aufmerksamkeit bedürfen.

Wasser und Klang und deren Bedeutung für den Menschen neu denken

AndrejTarkowskij mit seinem Film „Solaris“ hat mir zum ersten Mal ein Gefühl dafür vermittelt, dass ein Planet ein empfindendes Wesen sein kann, das mit uns Menschen auf eine intuitive Weise kommuniziert. Diese Vorstellung fand ich absolut beeindruckend. Ein Ort als Lebewesen, ein Lebewesen als Ort. Dennis Vilneuve mit seinen Film “Arrival“ hat gezeigt, wie inspirierend eine Begegnung mit anderen Lebensformen sein kann, was Sprache für uns Menschen bedeutet und wie beschränkt wir [noch] hinsichtlich des Verständnisses und der Wahrnehmung vom Phänomen „Zeit“ sind. Filme wie „Drive“ haben mich durch ihre Machart inspiriert. „Drive“ kommt ohne hektische Schnitte und fast gänzlich ohne Dialoge aus und bleibt bis spannungsvoll und „dicht“ bis zur letzten Sekunde.

Als ich dann älter wurde, haben Hörspiele wie „Das Haus“ von Mark Danielewsky meine Phantasie für Atmosphäre und Raum weiterwachsen lassen. Der Film „The Game“ von David Fincher wäre hier eine direkte Brücke zwischen Film, Storytelling und Stagedesign in Perfektion – und natürlich Fiktion. Dort wird jemand in ein Spiel verwickelt, wo die Grenzen zwischen Geschichte und seiner Realität verschmelzen. Er soll durch eine direkte Erfahrtung die Möglichkeit für eine neue Perspektive auf sich selbst erhalten, da er im echten Leben ein ziemlich machtsüchtiger und unangenehmer Mensch geworden ist. Der Film zeigt, wie sich durch Geschichten Perspektiven wandeln können. Allerdings hat man in dem Film auf Spannung und Nervenkitzel gesetzt. Unsere gestalteten „Bühnen“ vermitteln in der Regel eher subtile, unaufgeregte Storys, die ohne den hohen Adrenalinspiegel auskommen.

Die Welt der Gestalter ist voller Storyteller

Aber auch die Kunst- und Gestalterwelt ist voller inspirierender Menschen, die ebenfalls durch ihre Arbeiten eine Form von Storytelling praktizieren, auch wenn sie ihre Arbeiten selbst wahrscheinlich nie als solches bezeichnet hätten. Architekten wie Tadao Ando, Kengo Kuma, Peter Zumthor oder John Pawson haben uns zum Beispiel in der Raumbildung stark geprägt. In der Kunst sind es die atmosphärischen Bilder von Caravaggio, die Stiche von Rembrandt, die Skulpturen von Richard Serra, Santiago Sierra, die uns immer wieder inspirieren, Aber auch Pierre Soulages, Günter Ücker, viele Künstler aus der Minimal Art wie Carl Andre oder Künstler aus der Konkreten Kunst. In der Grafik könnte ich Otl Aicher aber auch viele andere nennen. Die letzten Jahre allerdings habe ich mich viel mit Naturwissenschaften befasst. Menschen wie Fridjof Capra, David Bohm und Karl Pribram haben mein Denken stark geprägt. Mir gefallen aber auch die Ansätze von Gerald Hüther besonders gut.

Durch unser Projekt „Impulse“ für den Pallottinerorden in Freising haben wir uns damals intensiv mit Wasser und Klang beschäftigt. Wasser ist ein Thema, das einerseits so alltäglich und zeitgleich noch so sehr in den Kinderschuhen der Forschung steckt. Dort gibt es Menschen wie Masaru Emoto aus Japan, aber auch viele russische Wissenschaftler oder auch Viktor Schauberger, die durch bloßes Beobachten und „Erkennen“ Dinge herausgefunden haben, die nach Zauberei klingen und doch natürlichen Ursprungs sind. Unsere Forschungen damit gehen mittlerweile weit über das Projekt hinaus, da wir dort noch unfassbares Potenzial sehen – aus der Sicht des Storytellings ebenso wie aus der Sicht der Gestaltung. Man kann durchaus sagen, dass wir [der Mensch] Wasser und seine Bedeutung und Möglichkeiten für den Menschen gänzlich neu denken dürfen wenn nicht gar müssen. [5]

Wie Musik und gute Geschichten braucht Architektur Rhythmus

Auch das Thema Musik und Klang ist ein großes, an dem wir immer noch sehr viel arbeiten. Rhythmus ist auch in der Architektur ein wichtiges Thema, um Ruhe und Konzentration zu fördern. Das Buch von Joachim Berendt “Die Welt ist Klang“ war uns da ein schöner Wegweiser. Auch mein Hörsprektrum reicht weit – von klasschischer Musik bis zu „Fun Kid Skate Trash“ – von Maria Callas bis RKL. Unternehmerisch wie menschlich hat mich aber ein Betriebs- und Fortstwirt aus Österreich stark beeindruckt, nämlich Erwin Thoma. Sein Umgang mit seinen Mitarbeitern, Kunden sowie seinen Produkten und der Natur ist einzigartig. Und so könnte ich ewig weitermachen …