Nur Fiktion – von wegen. Identifikation! Das Gehirn guckt nicht wie ein Zuschauer auf das, was passiert. Im Gegenteil: Es versetzt uns mitten in die Handlung. Ganz gleich, ob wir einen guten Roman lesen, einen guten Film sehen oder einer guten Business Story zuhören.

Das wissen wir alle, weil wir es ständig selbst erleben. Doch wer erfolgreicher Storyteller sein will, kann sich diese Tatsache nicht oft genug vergegenwärtigen. Denn das ist der Schlüssel zum Erfolg.

Die Kunst besteht darin, Zuhörer oder Zuschauer in die Geschichte zu holen. Es geht um Identifikation. Was auch immer auf der Seite passiert oder auf der Leinwand, es passiert auch uns: Das ist die hohe Schule des Storytellings.

Dazu hier zwei Beispiele: Die Ankunft eines Zuges im Bahnhof, gefilmt von den Brüdern Lumière. Und ein VW-Clip. Ich mag diese beiden kurzen Filme sehr gern, weil sie mich immer wieder an die Macht von Storytelling erinnern. Ich muss nur kurz an sie denken, wenn ich Gefahr laufe mir zu sagen: Ach, ist doch nur ein einfacher kleiner Vortrag. Wozu der Aufwand, Thomas?

Paris, 1896. Der Film heißt, „L’Arrivée d’un train en gare de La Ciotat.“ Als er gezeigt wird, flüchtet das Publikum nach hinten ins Theater. Man ist in Panik, von dem einfahrenden Zug auf der Leinwand überfahren zu werden.

Überzüchtete, nervöse Pariser des ausgehenden 19 Jahrhunderts, höre ich Sie raunen.

Das sehe ich anders. Sie und ich, wir hätten auch hinten an der Wand gestanden. Denn Sie und ich wir wären auch der Illusion erlegen, der Zug würde nicht rechtzeitig halten. So, wie die Kamera stand, durfte man fürchten, den Rädern eine Spur zu nah zu kommen. Identifikation.

Schauen wir uns einen zeitgemäßen Lumière-Effekt an.

Hongkong, 2014. Volkswagen macht ein Experiment in einem Kino. Der Video-Clip ist verstörend. Falls Sie ihn noch nicht kennen: unbedingt ansehen. Falls Sie ihn kennen, kurz zu Erinnerung:

Die Zuschauer sehen Werbung. Eine Autofahrt, gefilmt aus der Perspektive des Fahrers. Die Straße ist einsam, rechts und links Wald, kein Verkehr. Der Fahrer beschleunigt. Sekunden vergehen, die Straße scheint sich endlos zu ziehen.

Jede gut gemacht Story lädt ein zur Identifikation

Das eigentliche Experiment beginnt: Alle Kinobesucher bekommen gleichzeitig eine Message. Überall im Publikum summen, piepen, vibrieren die Handys.

Neue Perspektive. Wir sehen nicht mehr die Leinwand, sondern die Zuschauer. Sie ziehen die Handys aus der Tasche und beginnen, die Message zu lesen.

Bremsen quietschen. Ein Aufschrei geht durchs Kino. Danach Stille.

Geschockt starrt das Kinopublikum auf eine zersplitterte Windschutzscheibe.

Sekunden vergehen, bis folgender Text erscheint: „Mobile use is now the leading cause of death behind the wheel. A reminder to keep your eyes on the road.“ Absender Volkswagen.

Das Gehirn sieht niemals wie ein unbeteiligter Zuschauer auf ein Geschehen. Sagt sich ständig, das ist doch nicht die Wirklichkeit. Nur ein Film. Es sieht wie ein Beteiligter darauf. Was auch immer dort passiert, es passiert auch uns. Volle Identifikation.

Wir sind gerade von der Straße abgekommen und gegen den Baum gerast. Wegen einer Message. Wir werden in Zukunft vielleicht entscheiden, die Message am Steuer nicht zu lesen.

Auch wenn wir strategische Storys erzählen, sollte wir dieses Phänomen immer berücksichtigen. Denn das Gehirn kann nicht anders, als tief in jede Story einzutauchen, wenn Sie gut gemacht ist und zur Identifikation einlädt.