Ich werde häufig gefragt: Schreibst du mit KI? Hand aufs Herz! Natürlich. Die Frage ist bloß: In welchem Maß? Und was heißt eigentlich schreiben? Mir ist wichtig, dass jeder Text, unter dem mein Name steht, auch mir zuzuschreiben ist. So gehe ich vor beim Bloggen, Mailen, Bücher schreiben. Ich bin und bleibe verantwortlich für das Storytelling und die KI ist mein wunderbarer Sparringspartner.

Ich würde mich dem Thema gern eher seitlich nähern. Ein Schritt nach Westen, in die USA.

„Writers Are Going to Extremes to Prove They Didn’t Use #AI“, schreibt die Reporterin Te-Ping Chen in ihrem Artikel im Wall Street Journal. Sie sagt: „People are adding typos, aggressively casual language and references to ‘The Office’ to stay ahead of armchair detectors.“

Das mag überzeichnet sein. Für mich ist es einfach nur ein Irrweg. Aalglatte Texte waren schon immer fragwürdig – jeder hätte sie schreiben können. Und so war es ja auch: Unmengen von Ghostwritern sind offen für neue Aufgaben dank Claude, ChatGPT, Gemini und Co. Sei es für Reden, für Präsentationen, für Bücher.

Zu glatt, zu strukturiert, zu ausgewogen, zu langweilig: Das erregt heute Verdacht. Hätte es vor 10, 20, 100 Jahren ebenso sollen. Vor allem, wenn die Person selbst gar nicht so glatt so ausgewogen, so strukturiert ist.

Im Umgang mit Sprache entwickeln wir alle einen Stil – und der sagt genauso viel über uns und eine Sache wie der Inhalt. Auch im Business. Stil zeigt unsere Haltung. Ganz gleich, ob es sich um einen preisgekrönten Juli-Zeh-Roman handelt oder um eine nie ganz fehlerfreie Message, die ich in Spanisch schreibe. Die Form zeigt: Juli drin. Thomas drin.

Aalglatte Texte waren schon immer fragwürdig

Schreiben ist ein Ausdruck von dem, was wir sind. Und trotzdem soll KI mitmischen? Unbedingt.

Autoren, Rednerinnen, Forscherinnen und Wissenschaftler arbeiten nun mal mit Informanten, Lektorinnen, Co-Autoren, Verlagsstrategen, Testleserinnen, Büchern und Texten anderer Autorinnen, Duden, Google etc..

Und die KI kann nun in diese Rollen schlüpfen. Und genau dafür nutze ich sie – im Grunde wie eine weitere Person in diesem Zirkel, die alle Disziplinen beherrscht und doch noch niemanden vollständig ersetzen kann. Genauer: Ich nutze sie wie viele Personen.

Emails: Bei mir schreibt die KI kein Wort. Wer Thomas anschreibt, bekommt eine Antwort von Thomas. Schreibt mir jemand mithilfe von KI und versucht dabei, Nähe zu suggerieren, finde ich das unangenehm. Ich bin sicher, dass wir in einigen Jahren digitale Zwillinge haben werden – doch aktuell scheint es mir zu früh, der KI meine Kommunikation zu überlassen.

Blogposts: KI hilft bei der Recherche und Ideenfindung. Sie schreibt allenfalls mal ein paar Absätze, fasst etwa Biografisches zusammen. Einmal habe ich sie auf einen Post losgelassen und der Prozess hat am Ende nicht nur lange gedauert, sondern auch genervt. Klar wird das in Zukunft immer besser werden, davon bin ich überzeugt.

Bücher: Da ich gerade mitten in einem Buchprojekt bin, kann ich sagen, dass KI bei mir nichts schreibt. Weder das Exposé, noch das Inhaltsverzeichnis, noch die Texte. Da ist für mich eine Grenze. Aktuell zumindest.

Doch ich nutze vor allem Gemini und Claude gerne für die Recherche, zur Inspiration. Die Studien lese ich am Ende selbst und suche mir das heraus, was für mich wichtig ist. Das ist bestimmt nicht effizient, doch für meine Arbeitsweise essentiell. Und es ist genau.

Claude ist gut, Claude und Claudia sind besser

Ich kann mir gut vorstellen, KI bei meinem neuen Buchüprojekt als Lektorin zu nutzen. Aktuell mache ich das sehr selten. Doch Claude schreibt mittlerweile auf einem hohen Level und ich sollte mich entscheiden, die KI da mehr einzubinden. Und trotzdem ist da noch eine Claudia, Schriftstellerin, die auch auf den Text blicken wird. Ihre Fragen, ihre Anregungen bleiben wertvoll. Und dann lektoriert auch noch der Verlag.

Sehr spannend finde ich Marktanalysen für neue Schreibprojekte. Da macht Claude m.E. einen ausgezeichneten Job.

Und schließlich: Ich quatsche auch gerne mit der KI über meine Themen, um ein Gefühl dafür zu bekommen, wie verschiedene Zielgruppen darauf blicken. Das ist äußerst nützlich.

Workshops: Die KI-Nutzung baue ich gezielt für bestimmte Themen ein. 4 Arbeitsgruppen zu einem Thema – zum Beispiel der Entwicklung von Metaphern für eine Strategie. 2 Gruppen arbeiten mit KI, 2 ohne. Vergleich der Ergebnisse. Das kann sehr lehrreich sein. Chancen und Grenzen der Nutzung von menschlicher und künstlicher Intelligenz werden deutlich. Auffällig ist, wie stark KI zur Mitte tendiert in solchen Prozessen. Gerade das ist ja selten gewollt.

Fazit: KI ist für mich starkes, vielseitiges Werkzeug geworden. Und wie bei jedem starken Werkzeug sollte man wissen, wo man es einsetzt und wo nicht.