Sachbuch schreiben mit KI: Für sein Zukunftsbuch 2030 saß Sven Gábor Jánszky vor dem Computer und weinte, weil er sich so tief in die Geschichte hineingefühlt hatte, die er gerade selbst erschuf. Für den Nachfolger 2035 hat er sieben KI-Agenten trainiert, die einen Großteil des Schreibens übernommen haben. Im Interview erklärt der Chairman von Europas größtem Zukunftsinstitut 2b AHEAD Think Tank, wie das Agententeam arbeitete, wo die KI ihn überrascht hat, wo sie hart an ihre Grenzen stieß und wie er den Buchmarkt der Zukunft sieht.

Für dein Buch 2030 hast du die Zukunftsszenarien noch komplett selbst in Geschichten gegossen. Beim neuen Titel 2035 hat KI das Storytelling übernommen. Wo ist sie dem menschlichen Autor bereits überlegen, wo ist der Mensch weiterhin gefragt?

Überlegen ist die KI überall dort, wo es darum geht, sehr viele Informationen einzubeziehen. Beim 2030-Buch saß ich noch in einer Waldhütte mit Stapeln von Studien und Zeitungsausschnitten und musste die Faktenbasis selbst auswerten. Diesmal habe ich zuerst einen KI-Agenten trainiert, der tausende Quellen im Internet recherchiert hat. Deshalb hat das neue Buch deutlich mehr Quellenverweise und bezieht viel mehr Fakten ein – da ist die KI heute schon klar überlegen. Auch beim Ausdenken fiktiver Handlungsszenarien hat sie gute Arbeit geleistet. Ob sie darin überlegen ist, weiß ich nicht, aber schneller ist sie auf jeden Fall.

Genervt hat mich etwas anderes: Ein trainierter Agent zieht seinen antrainierten Stil stur durch alle Kapitel durch – bei mir waren es 40. Dadurch ähnelten sich Kapitelanfänge und Satzbau zu sehr. Das musste ich von Hand überarbeiten, weniger inhaltlich als sprachlich, damit nicht jedes Kapitel gleich klingt und langweilig wird.

2035 ist das neueste Buch von Zukunftsforscher Sven Gábor Jánszky. Zum ersten Mal hat der Autor KI-Agenten als Co-Autorenteam eingesetzt

Das Buch bezieht deutlich mehr Fakten ein – da ist die KI überlegen

Dein Buch verbindet zwei Ebenen: den Alltag einer Familie im Jahr 2035 und die sachliche Erklärung der technologischen Entwicklung. Wie viele KI-Agenten waren beteiligt, und wie war die Aufgabenverteilung?

Insgesamt sieben Agenten auf meiner Seite. Ein Rechercheagent recherchierte alle Fakten für die Sachkapitel. Ein Stilagent, trainiert auf meinen Schreibstil aus früheren Büchern, machte daraus die finalen Kapiteltexte. Für die Familienkapitel gab es einen dritten Agenten, mit dem ich die Storyline erarbeitet habe: welche Personen es gibt, wer wegfällt, wer neu dazukommt, wie sich alle in den fünf Jahren seit dem letzten Buch verändert haben. Ein vierter Agent, wieder ein Stilagent, übernahm den Stil der Fiktivkapitel.

Ein fünfter Agent war für den Faktencheck zuständig und wies mich auf fragwürdige Quellen hin. Ein sechster, kleiner Agent machte mich auf logische Ungereimtheiten in der Familiengeschichte aufmerksam. Der siebte war ein Rechtschreibagent. Danach ging das Manuskript zum Verlag, der vermutlich ebenfalls mit KI gearbeitet hat. Wie viele Agenten dort im Einsatz waren, weiß ich nicht.

Hast du ein fertiges System von der Stange genutzt oder dir ein eigenes, maßgeschneidertes Agenten-Setup bauen lassen?

Ich habe mir alles selbst gebaut, nichts von der Stange übernommen. Agentensysteme von der Stange finde ich sehr sinnvoll bei sich wiederholenden Tätigkeiten mit gleichbleibenden Anforderungen. Aber ein Buch schreibt man nur einmal, und dieses war inhaltlich wie stilistisch sehr individuell – im Grunde zwei Bücher in einem. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein Standardsystem diese Individualität leisten kann, und es wäre viel zu aufwendig gewesen, das jemand anderem zu erklären. Das selbst aufzusetzen hat zwar ein paar Tage gedauert, aber danach flossen die Kapitel deutlich schneller.

Es ist entscheidend, auf welche Quellen, Daten und Fakten, die KI zugreift

Wo stößt die aktuelle KI-Generation beim Verfassen eines komplexen Sachbuchs mit erzählenden Passagen an ihre Grenzen?

Das Stilthema habe ich schon erläutert. Da habe ich ca. 4 Stunden pro Kapitel mit den KI-Agenten gearbeitet. Danach habe ich den Text manuell überarbeitet. Und dann noch einmal der Verlag. Also das geht nicht von selbst.

Die eigentliche Grenze liegt aber woanders: Bittet man die KI, eine Geschichte über die Zukunft zu schreiben, greift sie auf die Masse an Vergangenheitsdaten im Internet zurück – man bekommt dann eine Geschichte über die Vergangenheit statt über 2035. Deshalb ist es entscheidend, ihr genau vorzugeben, auf welche Quellen, Personen und Meinungen sie zugreifen soll und welche sie ignorieren soll. Dieses Selektieren muss man heute noch selbst übernehmen. Bei uns im Institut heißt die entsprechende Methode Future-Forces-Methode. Unser KI-Team trainiert gerade eine eigene KI darauf, aber die stand für mein Buch noch nicht zur Verfügung. Deshalb musste ich hier noch viel von Hand eingreifen.

Wie oft musstest du Prompts, Workflows und Agentenarchitektur während des Schreibens optimieren? Gab es Momente, in denen das System komplett in die falsche Richtung lief, etwa durch Halluzinationen? Wie hast du das wieder eingefangen?

Prompts habe ich permanent optimiert, bis zum letzten. Die Architektur dagegen habe ich vorher festgelegt und einmal aufgesetzt – die habe ich danach nicht mehr verändert.

Es gab eine einzige Stelle in den 40 Kapiteln, an der die KI in eine Richtung lief, die ich nicht wollte – und das lag an meinem Training, nicht an der KI. Ich hatte sie sehr hart auf Faktenbasis und Wahrscheinlichkeit getrimmt: nur das wahrscheinlichste Zukunftsbild, keine fiktiven Visionen. Beim Kapitel über Gesundheit – wie alt Menschen im Jahr 2035 werden – führte das dazu, dass die KI neue medizinische Technologien ignorierte, die unsere Studien längst als entscheidend identifiziert hatten. Sie hielt sich stattdessen strikt an etablierte Quellen wie WHO-Studien. Auf Nachfrage erklärte sie, sie dürfe laut meinem Prompt nicht von den belegten Fakten abweichen.

Ich habe zwei Stunden mit ihr gerungen, das Kapitel dann abgebrochen, neu begonnen und den Prompt etwas weicher formuliert.

Viele Dialoge, die wirklich witzig waren

Wo dachtest du beim Sichten der KI-Texte: „Wow, darauf wäre ich selbst nicht so schnell gekommen“? Hat die KI unerwartete kreative Querverbindungen gezogen, großartige Formulierungen oder Humor eingebracht?

Im sachlichen Teil hat mich die KI nicht groß überrascht – dort musste ich sie eher bremsen, weil sie zu sehr am 08/15-Internetwissen hing. Überrascht hat mich dagegen das Storytelling in den Familienkapiteln: Die KI hat sich neue Figuren ausgedacht, die gut in die Familie passten, und viele Dialoge geschrieben, die wirklich witzig und vor allem sarkastisch waren. Bei einer Figur, dem Familienvater Peter, musste ich sie sogar bremsen, weil er nur noch lustig unterwegs war.

Darauf hatte ich sie gar nicht gezielt trainiert – offenbar hatte mein Schreibstil aus früheren Büchern manchmal einen sarkastischen Unterton, den sie aufgegriffen hat. Dass sie sich eigenständig kluge Familiengeschichten und Dialoge ausdenkt, fand ich richtig gut.

Was hat dir an dieser neuen Form der Buchproduktion persönlich mehr Spaß gemacht als früher? Was hast du vermisst?

Mehr Spaß gemacht hat mir, dass man mit den Agenten im Dialog arbeitet – man schreibt die Texte nicht mehr selbst, sondern redet mit einem Sparringspartner, der in Windeseile ganze Seiten produziert. Das ist effektiv, und es fehlt das lähmende Gefühl vor dem leeren Blatt.

Vermisst habe ich das tiefe emotionale Eintauchen als Autor. Beim 2030-Buch, in dem im ersten Kapitel der Großvater stirbt, saß ich vor dem Computer und habe geweint, weil ich so tief in der Geschichte war, die ich mir gerade selbst ausdachte. Das gab es diesmal nicht – durch die Arbeitsweise im Dialog mit der KI fehlt dieses tiefe emotionale Einsteigen einfach.

Der eigentliche Schreibprozess war nicht schneller

Faktor Zeit: Dein Buch 2030 war klassische, zeitintensive Recherche- und Schreibarbeit. Ging es bei 2035 durch die KI in einem Bruchteil der Zeit?

Ich habe unterschätzt, wie viel Zeit man trotzdem noch braucht. Ich dachte, wenn die KI die richtigen Daten und den Stil gelernt hat, geht das Schreiben deutlich schneller. Tatsächlich musste ich pro Kapitel – bei 40 Kapiteln – im Schnitt rund vier Stunden mit der KI diskutieren, ungefähr genauso viel Zeit brauchte ich für das reine Schreiben früher. Der eigentliche Schreibprozess wurde also nicht wesentlich schneller.

Deutlich schneller ging dagegen die Faktenrecherche und Quellenauswertung – die gesamte Vorbereitungsarbeit.

Im Kapitel „Lernen“ schreiben zwei Mädchen und eine KI gemeinsam eine Projektreflexion für die Schule. Die Mädchen sind mit der KI unzufrieden, weil sie zu perfekt ist. Kann man das als Reflexion des eigenen Buchprojekts lesen – oder, mit Blick auf den nächsten Band 2040, als vorgezogene Reflexion über die Rolle des Autors?

Natürlich ist das ganze Buch eine Reflexion meiner Gedanken, insofern fließen auch die Erfahrungen aus diesem Schreibprozess ein – so kann man das Kapitel schon lesen, wenn auch nicht eins zu eins.

In diesem Kapitel geht es um den Unterschied zwischen einer hochspezialisierten, individualisierten KI, die im Prinzip zu einem zweiten Ich wird – genutzt von der Figur Marga –, und einer generischen Standard-KI, die ihre Freundin Leni verwendet. Genau dieser Unterschied wird entscheidend, nicht mehr die Frage Mensch versus KI. Ein KI-Replikat eines Menschen, das wirklich so denkt wie sein Original, handelt völlig anders als eine generische KI. Solche stark individualisierten Replikate gibt es heute noch nicht – ich konnte sie auch für dieses Buch noch nicht nutzen. Das wird wahrscheinlich Thema des nächsten Bandes.

Der Buchmarkt teilt sich in drei Bereiche auf: KI-generierte Bücher, KI als Ghostwriter, Menschen schreiben

Bietet der KI-generierte Band 2035 den Lesern höheren praktischen Nutzwert, weil die KI präzisere Daten und logischere Szenarien verknüpfen kann als ein menschliches Gehirn – oder droht durch die KI eine qualitative Nivellierung?

Fragt man eine Standard-KI wie ChatGPT nach der Zukunft, kommt tatsächlich eine Nivellierung heraus – ein 08/15-Abklatsch dessen, was Menschen im Internet für Zukunft halten, was mit echter Zukunft wenig zu tun hat. Entscheidend ist also, welche KI man nutzt: Eine Standard-KI nivelliert und generalisiert, eine speziell trainierte KI geht in die Tiefe.

Ich glaube, dass 2035 inhaltlich – also in der Faktenbasis – deutlich tiefer ist als 2030. 2030 war an mancher Stelle vielleicht emotionaler in der Beschreibung der Familiengeschichte, weil ich mich selbst stundenlang in die Personen hineingedacht habe. Aber unter dem Strich ist 2035 das bessere Buch.

Wie schätzt du die Entwicklung des Buchmarktes ein? Wann werden Experten das Schreiben ihrer Bücher einem KI-Team überlassen, wann bieten Verlage das als Dienstleistung an?

Ich sehe den Buchmarkt sich in drei Bereiche auftrennen. Erstens: rein KI-generierte Bücher, die in Masse auf den Markt kommen – das gibt es schon und wird deutlich mehr. Dafür braucht man eigentlich keine Autoren mehr, das können Verlage selbst produzieren, mit einem beliebigen Namen darüber.

Zweitens: Bücher von bekannten Personen mit eigener Marke – Sportler, Prominente, die schon früher nicht selbst geschrieben haben, sondern menschliche Ghostwriter genutzt haben. Jetzt übernimmt KI diese Rolle, ein Service, den Verlage sehr gut anbieten können.

Drittens: echte menschliche Autoren, vor allem in Belletristik, Romanen, Krimis, die sich wirklich Geschichten und Personen ausdenken und ihre Emotionen einbringen. Dieser Markt bleibt bestehen, hier ändert sich die Rolle des Verlags kaum. Bei den ersten beiden Bereichen ändert sie sich dagegen deutlich.

Alle 3 Monate eine neue Agentengeneration

Gibt es ein KI-Ökosystem rund um 2035 – kam KI auch im Marketing zum Einsatz, und nutzt du die fürs Buch trainierten Agenten jetzt weiter, etwa für Beratungsangebote oder automatisierte Keynotes?

Die Agenten, die ich genannt habe, waren nur für die Texterstellung im Einsatz. Unsere Marketingprozesse im Institut laufen aber ebenfalls mit dutzenden KI-Agenten und Agententeams, genauso wie die Recherche- und Studienarbeit, aus der die Fakten für das Buch stammen. Das gesamte Ökosystem ist mit KI durchsetzt – anders kann ich mir das heute kaum noch vorstellen.

Weiter nutzen tue ich die für das Buch trainierten Agenten aber nicht. Die technische Entwicklung ist so schnell, dass alle drei Monate eine neue Agenten-Generation entsteht – mit halbjahresalten Agenten zu arbeiten wäre bereits veraltet. Die für das Buch trainierten Agenten sind technologisch schon überholt.

Und das Buch selbst darf man nicht überschätzen: Es ist nur ein kleiner Ausfluss aus unserer Future Forces Database, der größten Prognosedatenbank der internationalen Zukunftsforschung mit über 50.000 Prognosen und über 10.000 Strategieempfehlungen, an der wir jede Woche weiterarbeiten. Neue Dienstleistungsangebote entstehen daraus laufend, aber die Quelle ist immer die Datenbank, nicht das Buch.

Hast du nach der intensiven Auseinandersetzung mit KI wieder Sehnsucht nach dem leeren weißen Blatt, vor dem du allein sitzt und auf Inspiration wartest – ein Text ganz ohne digitalen Co-Autor?

Das ist differenziert. An zwei Stellen im Buch habe ich tatsächlich klassisch gearbeitet – einmal im Flugzeug, einmal im Zug habe ich mit Notizbuch und Stift skizziert und das dann in die KI eingebracht.

Eine generelle Sehnsucht, alles zurückzudrehen, habe ich aber nicht. An bestimmten Punkten die Emotionalität einzubringen, die eine KI heute noch nicht hat, bleibt wichtig. Im Jahr 2035, glaube ich, wird die KI ein echtes Replikat von mir sein und so reden wie ich – dann braucht man dafür kein weißes Blatt mehr. Aber bis dahin ist es gut, diese menschliche Komponente an bestimmten Stellen einzubringen. Sehnsucht brauche ich dafür aber keine – ich mache es einfach.