Die Story vom Löwenzahn erzählt auf einfache Art vom Kreislauf des Lebens. Von Transformationen. Sie zeigt, wie elegant ein schweres Thema wie der Tod humorvoll erzählt werden kann. Ich fand 4 Learnings für Storyteller in dieser wunderbaren Fabel, die ich in einem Buch von David Steindl-Rast gelesen habe.

Zunächst die Story. Sie ist in drei Teile aufgeteilt: die Welt der Pflanzen, die der Tiere und die der Menschen. Ein vierter Teil wird nur angedeutet. Wir können ihn uns selbst erzählen. Er handelt von Gott.

Die Story vom Löwenzahn

Es war einmal ein Löwenzahn, der auf einer Wiese wuchs. Der Löwenzahn flüsterte den Aminosäuren und all den anderen Nährstoffen im Boden zu: „Wie wäre es, wenn ihr Löwenzahn werden würdet? Ihr müsst euch nur in einem Tropfen Wasser auflösen lassen, und ich sauge euch mit meinen Wurzeln auf. Ihr werdet nichts spüren. Aber danach könnt ihr wachsen, blühen und im Wind davonfliegen wie tausend kleine Fallschirme, die Samen tragen.“

„Okay“, sagten die Aminosäuren und die anderen Nährstoffe im Boden. Sie ließen sich im Regenwasser auflösen und wurden durch die Wurzeln aufgesogen und verwandelten sich in Löwenzahn.

Am nächsten Morgen kam ein Kaninchen über die Wiese gehüpft. „Guten Morgen!“, sagte das Kaninchen zum Löwenzahn. „Wie wäre es, wenn du ein Kaninchen würdest? Du musst dich anknabbern, kauen und verschlucken lassen. Es tut ein bisschen weh, aber danach kannst du im Mondlicht hüpfen, springen und herumtollen, mit den Ohren wackeln und viele kleine Kaninchen bekommen.“

Der Löwenzahn war nicht sonderlich begeistert, aber die Vorstellung, herumzuhüpfen, klang viel verlockender, als an einem Ort festzusitzen. „Na gut“, seufzte der Löwenzahn. Er ließ sich fressen und wurde zum Kaninchen.

Dann kannst du Jojo spielen, unter der Dusche singen und in einem Jet fliegen

Gegen Abend kam ein Jäger vorbei. „Guten Abend!“, sagte der Jäger zum Kaninchen (denn er war ein ungewöhnlich höflicher Jäger). „Wie wäre es, wenn du ein Mensch würdest? Du müsstest dich erschießen, häuten, in einem Eintopf kochen und essen lassen. Das ist nicht angenehm, das gebe ich zu, aber stell dir vor, danach kannst du Jojo spielen, unter der Dusche singen und in einem Jet fliegen.“

Das Kaninchen hatte Angst, aber in einem Düsenjet zu fliegen, klang so aufregend. Die Vorstellung war unwiderstehlich. Es schniefte ein wenig, wischte sich eine Träne weg und murmelte „okay“, überstand die Tortur und wurde zum Menschen.

Dann kam Gott. „Hallo!“, sagte er.

4 Storytelling Learnings aus der Story vom Löwenzahn

Ein offenes Ende

Wir haben das Muster verstanden. Man wird angesprochen und eingeladen, eine andere Stufe des Seins zu betreten. So wurde der Löwenzahn zum Hasen und der Hase zum Menschen. Was aber bietet Gott an? Wir müssen es uns selbst erzählen und werden so Teil dieser kleinen Fabel. Oder, anders gesagt, die Fabel wird Teil von uns – ganz gleich, wie wir sie zu Ende erzählen.

Eine Transformation

Die kleine Story erzählt von Transformationen, Verwandlungen, Metamorphosen. Sie sind der Kern aller Geschichten. Veränderung zu erleben – real oder in einer Story – lässt uns lernen und gibt uns ein tieferes Gefühl dafür, wie wir dem Beunruhigenden des Lebens begegnen können.

Wahlfreiheit

Wahlfreiheit ist ein starkes Prinzip, zum Beispiel in politischen Reden. So wird jedem einzelnen Autonomie zugestanden. Nicht: du musst. Sonder: du kannst so … oder so. In dieser kleinen Story taucht die Wahlfreiheit dort auf, wo wir sie nicht erwarten. Das macht die Story überraschend und öffnet wieder einen Denkraum. Werden denn die Aminosäuren in der Welt, wie wir sie wahrnehmen, gefragt? Wird denn er Mensch gefragt?

Lächeln

Das Lächeln entsteht für mich dadurch, dass Blume und Hase durch gutes Storytelling ihrer Transformation zustimmen. So durchzieht die Story eine heitere Ironie. Keine Lust, erschossen und gekocht zu werden – aber Jojo spielen, das wäre schon toll. Keine Lust, gefressen zu werden – aber im Mondlicht zu hüpfen, das klingt verlockend. Wir lächeln, weil wir uns selbst darin erkennen.