Horizontale und vertikale Kommunikation – Verbindung und Macht. Wer sich rhetorisch zwischen diesen beiden Ebenen elegant bewegen kann, überzeugt und nimmt Menschen mit. So funktioniert das Modell dahinter, erklärt an praktischen Beispielen.

Das Modell entwickelte die amerikanische Linguistik-Professorin Deborah Tannen, die sich auch intensiv mit männlicher und weiblicher Kommunikation beschäftigt hat. Sie unterscheidet im wesentlichen zwei „linguistische Stile“, man könnte auch sagen Storytelling-Stile – eben verschiedene Arten zu kommunizieren. Einer davon orientiert sich an Fragen von Macht und Status, der andere andere versucht, Augenhöhe herzustellen und sucht Verbindung.

Gegenüberstellung horizontale und vertikale Kommunikation:

  • Macht vs. Solidarität
  • Asymmetrie vs. Symmetrie
  • Hierarchie vs. Gleichheit
  • Distanz vs. Nähe
  • Kontrolle vs. Freiheit

Das ist der Ausgangspunkt. Von hier aus will ich zwei Linien verfolgen, die wichtig sind für gelungene, respektvolle Kommunikation. Einmal geht es darum, sich extreme Formen der beiden linguistischen Stile anzusehen und daraus Lektionen zu lernen – insbesondere für das Business bzw. die Politik. Doch das ist nicht alles.

Der zweite Aspekt ist ebenso wichtig und geht in den meisten Darstellungen unter. Für Deborah Tannen ist insbesondere in Alltagskommunikation eine Trennung der beiden Stile selten möglich. Die Pointe ist vielmehr, dass Macht und Verbindung gesucht werden. Auch dafür gebe ich ein Beispiel.

Horizontale und vertikale Kommunikation in der Praxis: Hillary Clinton vs. Donald Trump

Der deutsche Autor und Coach Peter Modler hat sich viel mit Tannens Modell beschäftigt. Um die beiden Kommunikationsarten zu unterscheiden, wählt er das Beispiel der TV-Duelle von Hillary Clinton und Donald Trump. Hillary Clinton sieht er als stellvertretend für eine horizontale Kommunikation. Donald Trump als Vertreter für eine vertikale Kommunikation.

Clinton versus Trump

Clinton versus Trump

In den TV-Duellen erleben wir eine Clinton, die vor allem auf Fakten setzt und sich um Respekt bemüht,  sowie einen Trump, der sich nicht um Respekt schert und sich niemals in Fakten verliert, wenn man es positiv sagen will. Er wiederholt immergleiche Phrasen wie „Hab ich nie gesagt“. Oder: „Das ist alles ausgedacht.“ Oder: „Einfach lächerlich.“ Sie dagegen lässt sich auf das Kleinklein der Details ein und versäumt, die Dinge auf den Punkt zu bringen.

Wir wissen, wer gewonnen hat. Nicht nur wegen dieser TV-Duelle. Doch mit einem radikal vertikalen Kommunikationsstil, der immer darauf abzielt, ein Oben und Unten zu kreieren, dazu nicht nur Argumente, sondern auch Phrasen und vor allem seinen Körper sehr bewusst einsetzt – etwa wenn er hinter Clintons Rücken Faxen macht.

Der Trick besteht darin, zwischen diesen beiden Techniken souverän zu wechseln. Erst einmal zu erkennen, in welchem System man selbst und die oder der andere sich gerade befindet. Hier eine Übersicht für die Signale, die wir senden – ganz unabhängig von unserer inhaltlichen Qualifikation.

Signale für horizontale Kommunikation im Meeting

  1. First
    Im Office als erster im Konferenzraum. Vertieft in Sitzungsunterlagen. Fokussiert auf die Technik, damit die Präsentation auf jeden Fall funktioniert.
  2. Speed
    Kleine, flotte Schritte. Gehetzt. An der Wand entlang. Noch schnell Mails und Messages beantworten.
  3. Stealth
    In die Sache vertieft, kaum Kontakt zu den Menschen. Weder Blicke noch Worte. Nicht auffallen. Dort sitzen, wo man nicht auffällt.

Signale für vertikale Kommunikation im Meeting

  1. Status
    Begrüßung von Auge zu Auge. Handschlag. Titel nennen und, falls nötig, vom Gegenüber Titel erfragen.
  2. Slow Motion
    Langsam eintreten. Sehen und gesehen werden. Langsam auf Menschen zugehen, um sie zu begrüßen.
  3. Space
    In aller Ruhe Platz nehmen. Unterlagen und Equipment weiträumig verteilen. Unterarme auf den Tisch.

High Talk, Basic Talk, Move Talk

Um noch einmal deutlich zu machen, dass diese beiden linguistischen Stile massiv anders sind und es keinesfalls selbstverständlich ist, dass wir von einem in den anderen wechseln können, hier die Kurzfassung von Modlers Talk-Modell. Es bietet 3 Ebenen, horizontale und vertikale Kommunikation zu unterscheiden.

  1. High Talk: Es zählen Argumente, Fakten, Wissen
  2. Basic Talk: Es zählen kurze Statements, die häufig wiederholt werden
  3. Move Talk: Es zählt der Einsatz des Körpers, um Status auszudrücken

Am Beispiel Clinton-Trump (stellvertretend für die Kommunikation von Trump mit vielen europäischen Politikern) lässt sich erkennen, dass sich keiner von beiden auf den Stil des anderen einlässt. High Talk hier, Basic plus Move Talk da. Horizontale Kommunikation hier, vertikale Kommunikation dort.

Wer aber in das Register der anderen Person wechseln kann, dem fällt es viel leichter zu überzeugen. Ein TV-Publikum, Kolleginnen und Kollegen, das Gegenüber.

Zu erkennen, wann Fakten nützen. Wann Storytelling angesagt ist. Eine Geste. Ein Punkt. Ein kurzes Statement. Darum geht es.

Grundsätzlich gilt insbesondere für Basic Talk und Move Talk, dass sie auf der gleichen Ebene beantwortet werden sollten. Alternativ eine Ebene simpler. Also Basic Talk mit Basic Talk oder Move Talk, nicht aber mit High Talk. So Modler, was ich nur bestätigen kann.

Eleganter wäre es natürlich, einfach im High Talk zu sein und zu bleiben und sich den Sachen zuzuwenden. Doch gerade das wird ja durch die beiden Kommunikationsstile wenn nicht verhindert, so doch erschwert.

Horizontale und vertikale Kommunikation in der Praxis: die Familie

Deborah Tannen hat einen spannenden Aufsatz geschrieben, in dem sie die beiden Kommunikationsstile in der Familie untersucht. Das Ergebnis vorweg: Beide Kommunikationsstile werden immer miteinander verbunden. Es geht nicht um Nähe ODER Macht. Sondern um Nähe UND Macht. Macht hier verstanden als die Fähigkeit eines Individuums, die von ihr bzw. ihm angestrebten Ziele zu erreichen.

„Ich mache einen Spaziergang“

Die Situation ist folgende: Die Tochter will einen Spaziergang mit dem Hund machen und sagt in die Runde der Familie im Wohnzimmer: „Ich mache einen Spaziergang.“ Der Vater darauf: „Warte. Ich gehe mit dir. Ich muss nur schnell einen Anruf machen.“

Das lässt sich als vertikale Kommunikation lesen: ein Macht-Manöver. Der Vater limitiert die Freiheit der Tochter, einen Spaziergang zu machen, wann sie es will.

Das lässt sich auch als horizontale Kommunikation lesen: ein Verbindungs-Manöver. Der Vater will etwas mit seiner Tochter gemeinsam unternehmen.

Das lässt sich als eine Kombination von beidem lesen: Solidarität bringt in einer Familie Macht mit sich. Und andersherum. Freiheit und Kontrolle sind zu balancieren – auch kommunikativ.

„Das willst du wirklich anziehen?“

Die Situation ist folgende: Eine Tochter führt der Mutter ihren Look für ein Job-Interview vor. Die Mutter schweigt eine Weile, dann sagt sie: „Das willst du wirklich anziehen?“

Das lässt sich unschwer als vertikale Kommunikation lesen: Ich als deine Mutter weiß viel besser als du, was der angemessene Look für dich ist. Hierarchie.

Das lässt sich auch als horizontale Kommunikation lesen: gut, dass du mich hast und ich dich. Verbindung.

Eine Kombination macht am meisten Sinn: Der Satz enthält die Verbindung von Mutter und Tochter, doch mit klarer Hierarchiezuschreibung, ausgedrückt in 5 Worten. Macht und Nähe, so dicht beieinander.

Fazit

Wer horizontale und vertikale Kommunikation unterscheiden kann, erspart sich eine Menge Stress und Missverständnisse. Wer zwischen diesen beiden Stilen zu wechseln vermag, wird überzeugender. Und wer erkennt, wie sehr beiden Kommunikationsstile miteinander verwoben sind, gewinnt Leichtigkeit.

Eine Sache, die in dieser Betrachtung von Kommunikation meiner Meinung nach zu kurz kommt, ist der Humor.

Mit Humor lässt sich so viel an Spannungen und Konflikten auflösen. Ganz gleich, ob er auf die horizontale Kommunikation zielt oder die vertikale. Einfach für einen Moment darauf achten, sich nicht in Status- oder Gemeinschaftsfragen zu verheddern, sondern in einem spielerischen Modus der Verständigung zu wechseln, in dem sich beide Kommunikationsstile gegenseitig mit einem Lächeln anerkennen können.