Hanna Arendt über Storytelling: Für die Philosophin und Politologin stehen Geschichten im Kontext der Bildung von Welt. Erzählen ist keine Taktik, sondern eine Lebensnotwendigkeit – ein Akt, der uns erst zu Menschen macht. Hier sind 10 Zitate als Appetizer für Arendts phänomenales Werk.
Hannah Arendt (1906–1975) war eine der einflussreichsten politischen Denkerinnen des 20. Jahrhunderts. Geboren in eine jüdische Familie in Linden (Hannover), studierte sie Philosophie unter anderem bei Martin Heidegger und Karl Jaspers. 1933 floh sie vor den Nationalsozialisten erst nach Frankreich und später in die USA.
Ihre Erfahrungen mit der Flucht und dem Totalitarismus prägen ihr gesamtes, nicht immer ganz leicht lesbares Werk. In berühmten und leider immer noch top-aktuellen Büchern wie „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ und „Vita activa“ analysiert Arendt, wie menschliche Freiheit entsteht und wie sie durch Machtmissbrauch bedroht wird.
Arendt lehrte an Elite-Universitäten wie Princeton und Chicago und blieb zeit ihres Lebens eine scharfsinnige Beobachterin, die sich ideologisch nur schwer einordnen ließ. Für sie war das Denken ein „Wagnis der Öffentlichkeit“ – eine Haltung, die sie bis heute zu einer unverzichtbaren Stimme der politischen Theorie macht.
Im Erzählen sah Hannah Arendt die einzige Möglichkeit, der Flüchtigkeit des Handelns Dauer zu verleihen und ein Bild davon zu gewinnen, wer wir sind. Spannender Weise ist es nicht die eigene Erzählung über sich selbst, sondern es sind die Geschichten der Anderen über uns, die mit ihrem Blick für den größeren Zusammenhang offenbaren, wer wir sind.
Darüber hinaus erinnert uns das Storytelling daran, dass wir in einer chaotisch und fragmentarisch wirkenden Welt gemeinsam mit anderem in einem, wie sie es nennt, „Gewebe“ leben.
Hannah Arendt über Storytelling: 10 Zitate der großen Denkerin
Werk ohne Autor. „Obwohl jeder in seinem Leben eine Geschichte anfängt, ist doch niemand der Urheber oder Autor seiner eigenen Lebensgeschichte.“
Jemanden kennen. „Wer jemand ist oder war, können wir nur erfahren, wenn wir seine Lebensgeschichte kennen; alles andere, was wir von ihm wissen …, betrifft nur die Qualitäten, die er mit anderen teilt.“
Versöhnung. „Das Erzählen von Geschichten ist die Art und Weise, wie wir uns mit der Welt versöhnen.“
Bezugsgewebe. „Diese Geschichten bilden das eigentlich Wirkliche des Gewebes der menschlichen Angelegenheiten, in das wir alle auf die eine oder andere Weise verstrickt sind.“
Leiden verwandeln. „Alles Leiden ist erträglich, wenn man es in eine Geschichte verwandelt oder eine Geschichte darüber erzählt.“
Taten brauchen Erzählungen. „Dass sich im Handeln und Sprechen ein Jemand offenbart, […] kommt am deutlichsten in der Tatsache zum Vorschein, dass wir eine Lebensgeschichte von jedem Menschen erst dann mit Gewissheit wissen können, wenn er kein Jemand mehr ist.“
Macht der Zuschauer. „Der Zuschauer allein sieht das Ganze, er allein kann die einzelnen Ereignisse zu einer Geschichte verknüpfen.“
Tätiges Leben. „Das tätige Leben, sofern es ein Sprechen ist, ist darauf angewiesen, daß Menschen erzählend sich der Welt und ihrer selbst versichern.“
Rückblick. „Die Geschichte verrät uns, was der Handelnde an Absichten hatte, aber sie enthüllt erst dem rückschauenden Blick des Erzählers, was eigentlich geschehen ist.“
Sieg über die Zeit „Die Erzählung verwandelt das Ereignis in ein Beispiel und die handelnde Person in eine Gestalt, die über den Tod hinaus Bestand hat.“
Wer jetzt mehr Arendt will: Ein großartiges Interview gibt die streitbare Denkerin etwa dem Journalisten Günter Gauss. Kettenrauchend erklärt sie dort zunächst, dass sie eigentlich gar keine Philosophin sei, um anschließend sprachmächtig zu zeigen, dass sie in der Tat nicht EINE Philosophin, sondern vielmehr DIE Philosophin des 20. Jahrhunderts ist. So zumindest meine Einschätzung.