Die Tote-Katze-Strategie ist ein beliebtes Manipulationsmanöver in Politik und Business. In diesem Beitrag beschreibe ich, wie dieses und 5 weitere gängige Manöver funktionieren und was sich dagegen tun lässt.
All diese kommunikativen Ablenkungstechniken verbindet, dass sie plump sind und mit Emotionen spielen. Sie anzuwenden ist also simpel. Sie zu durchschauen auch – zumindest von außen. Im Moment der Anwendung ist das allerdings nicht ganz so einfach.
Wer die typischen Storytelling-Muster kennt, tut sich auf jeden Fall leichter und ist für Diskussionen gewappnet, in denen sie verwendet werden. Im Business oder privat. Und kann so ruhig wieder dorthin zurücklenken, worum es wirklich geht.
Die Tote-Katze-Strategie und andere kommunikative Ablenkungsmanöver
Tote-Katze-Strategie
- Das Prinzip: Ein schockierendes, völlig neues Thema wird gezielt platziert (und wie eine tote Katze auf den Tisch geworfen), um die Aufmerksamkeit von einem bestehenden, für den Absender gefährlichen Thema abzulenken.
- Das Ziel: Den Diskurs radikal zu emotionalisieren, damit das eigentliche Problem aus den Schlagzeilen verschwindet.
- Reales Beispiel: Im Frühjahr 2017 versank das Tech-Unternehmen Uber in einer existenzbedrohenden Krise. Massive Sexismus-Vorwürfe, toxische Arbeitskultur, dazu eine Klage wegen Technologiediebstahls. Was tat Uber: Es sprach über fliegende Taxis. Die weltweiten Medien stürzten sich wochenlang auf die futuristischen Visionen, während die internen Skandale in den Hintergrund rückten.
- Wie reagieren: Tote Katzen komplett ignorieren. Nicht auf das emotionale Nebenthema einlassen, sondern das Gespräch rigoros auf den Kernkonflikt zurück zurückführen. Etwa so: Das ist eine andere Debatte. Lassen Sie uns bitte beim aktuellen Problem bleiben.
Whataboutism-Strategie
- Das Prinzip: Auf berechtigte Kritik oder eine unangenehme Frage wird sofort mit einem Gegenvorwurf gekontert, der ein Fehlverhalten der Gegenseite oder Dritter thematisiert.
- Das Ziel: Die eigene Schuld oder Verantwortung zu relativieren und den Kritiker moralisch zu diskreditieren.
- Reales Beispiel: Der Lebensmittelkonzern Nestlé/Blue Triton steht seit Jahren weltweit in der Kritik, weil er in von Dürre bedrohten Regionen Grundwasser abpumpt, um es in Flaschen abzufüllen. In offiziellen Stellungnahmen und Interviews konterte das Management die Kritik wiederholt mit der Behauptung, dass die lokale Landwirtschaft oder andere Industriezweige weitaus größere Mengen Wasser verbrauchen und verschwenden würden.
- Wie reagieren: Den Ablenkungsversuch offen benennen und die eigene Frage wiederholen. Etwa so: Über das Verhalten anderer Industrien können wir später sprechen. Beantworten Sie mir aber bitte zuerst meine Frage zu Ihrer Wasserentnahme.
Red-Herring-Strategie
- Das Prinzip: Es wird eine Information eingebracht (ein Roter Hering), die zwar vordergründig relevant und positiv erscheint, aber sachlich nichts zur Lösung des eigentlichen Hauptproblems beiträgt.
- Das Ziel: Die Diskussionsteilnehmer auf eine logisch klingende Nebenspur zu locken, auf der sich der Absender sicherer fühlt (Scheinlösung).
- Reales Beispiel: Nach mehreren Strafen wegen illegaler Meeresverschmutzung und dem systematischen Ablassen von Plastikmüll im Meer startete der Kreuzfahrtkonzern Carnival Cruise eine globale PR-Offensive. Kern der Kampagne war das medienwirksame, vollständige Verbot von Plastikstrohhalmen an Bord. Dies klang nach Umweltschutz, lenkte jedoch komplett von den gigantischen Schweröl-Emissionen und der illegalen Müllentsorgung der Schiffe ab.
- Wie reagieren: Die Relevanz des Arguments sofort hinterfragen. Etwa so: Inwiefern löst das Verbot von Strohhalmen das von mir angesprochene Problem der illegalen Schweröl- und Müllentsorgung im Meer?
Gish-Gallop-Strategie
- Das Prinzip: Das Gegenüber wird in kürzester Zeit mit einer Flut aus Scheinargumenten, Halbwahrheiten, irrelevanten Zahlen und Detailfragen bombardiert.
- Das Ziel: Den Gegner intellektuell und zeitlich so zu überfordern, dass er unvorbereitet oder sprachlos wirkt, weil er unmöglich alles auf einmal widerlegen kann.
- Reales Beispiel: In den großen US-Gerichtsprozessen gegen die Tabakindustrie in den 1990er Jahren nutzten die Anwälte der Konzerne diese Taktik exzessiv. Sie reichten zehntausende Seiten irrelevanter medizinischer Studien ein und konfrontierten Klägerärzte mit hunderten winzigen, isolierten biochemischen Fragen. Das Ziel war es, die Gerichte zu lähmen und Zweifel zu säen, um die klare Wahrheit über die Krebserregung von Tabak/Rauchen zu verschleiern.
- Wie reagieren: Bloß nicht versuchen, jeden einzelnen Punkt zu beantworten. Eher so: Das schwächste oder das zentralste Argument herauspicken und stellvertretend widerlegen. Plus: Auf die Informationsflut als unzulässige Taktik hinweisen – Sie überhäufen uns mit Details, um vom Kern abzulenken.
Burying-Bad-News-Strategie
- Das Prinzip: Unangenehme Fakten, Quartalsverluste oder Entlassungen werden zu einem Zeitpunkt veröffentlicht, an dem die Öffentlichkeit durch ein anderes Großereignis maximal abgelenkt ist.
- Das Ziel: Die Nachricht mit möglichst wenig medialer Aufmerksamkeit und ohne großen Imageschaden „untergehen“ zu lassen.
- Reales Beispiel: Am Nachmittag der Terroranschläge vom 11. September 2001 versandte die britische PR-Beraterin Jo Moore eine E-Mail an ihr Team mit dem Inhalt: „It’s now a very good day to get out anything we want to bury.“ Dieses psychologische Muster nutzen Unternehmen bis heute: Schlechte Nachrichten wie Massenentlassungen oder Gewinneinbrüche werden bevorzugt publiziert, wenn sie nicht im Mittelpunkt stehen.
- Wie reagieren: Die Erkennung der Taktik ist der wirksamste Gegenzug – sobald ein Muster wie dieses benannt wird (das wurde bewusst am Freitagabend rausgebracht), verliert es einen Großteil seiner Wirkung, weil die Aufmerksamkeit sich dann auf die Taktik selbst statt auf das gewünschte Ablenkungsziel richtet.
Straw-Man-Fallacy-Strategie
- Das Prinzip: Die Position oder das Argument des Gegenübers wird extrem verzerrt, radikalisiert oder schlicht falsch dargestellt.
- Das Ziel: Nicht das echte, starke Argument des Gegners widerlegen zu müssen, sondern ein selbst geschaffenes, leicht zu bezwingendes Strohmann-Argument anzugreifen.
- Reales Beispiel: Als die Stadt Philadelphia 2016 eine Steuer auf zuckergesüßte Getränke einführen wollte, startete die American Beverage Association (der Lobbyverband von Coca-Cola und PepsiCo) unter dem Namen „Ax the Bev Tax“ eine millionenschwere PR-Kampagne. Statt sich mit dem eigentlichen Argument der Befürworter auseinanderzusetzen – gesundheitliche Folgekosten von Zuckerkonsum, Finanzierung von Vorschulprogrammen aus den Einnahmen – reichte die Kampagne einen erfundenen Strohmann ein: Sie behauptete, die Steuer werde die Preise für den gesamten Lebensmitteleinkauf von Familien verdoppeln, und bezeichnete sie durchgehend als Lebensmittelsteuer. Tatsächlich betraf die Steuer aber ausschließlich zuckergesüßte Getränke, keine sonstigen Lebensmittel. Die Industrie griff also nicht die reale, enger gefasste Maßnahme an, sondern eine viel größere Version davon, die sie selbst konstruiert hatte.
- Wie reagieren: Die Verzerrung sofort stoppen, sie offenlegen und das eigene Argument unmissverständlich wiederholen: Das habe ich so nicht gesagt. Sie verzerren meine Aussage. Mein Punkt war…