Was gute Reden mit guten Songs zu tun haben? Eine Menge. Sie haben Rhythmus, Melodie, einen spannenden Titel, Strophen, Refrain – und natürlich Emotion. 7 Kompositionstipps für alle, die das Thema Rede / Präsentation / Vortrag mal etwas anders angehen wollen, erklärt an Beispielen. Dazu auch dieser Podcast mit mir.
Wie nah Vorträge aller Art mit Musik verwandt sind – das wird deutlich, wenn wir ein paar Schritte zurücktreten, den Inhalt Inhalt sein lassen und uns der Struktur zuwenden. Ich habe mich entschieden, die emotionale Fieberkurve zu nutzen, um die Storyline zu zeichnen. Sie ist ein universelles Tool im Storytelling. Wer die Storyline verwendet, erkennt die Nähe zur Musik auf einen Blick. Die Fieberkurve sieht aus wie eine Sinuswelle aus der Welt der Töne.
Jedes meiner Storytelling-Trainings zeigt aufs Neue, wie genial diese musikalische Storyline ist, um Präsentationen oder Reden zu entwickeln, die dramaturgisch spannend und eingängig sind sowie alle relevanten Fakten enthalten – und zwar wohlgeordnet.
Was gute Reden mit guten Songs zu tun haben: 7 Tipps für deine Komposition
1. Beginne mit einem starken Titel
Ein guter Titel zeigt, wohin die Reise geht, er ist auf den Punkt und zieht ins Thema, zum Beispiel durch eine Frage. Drei Beispiele aus der TED-Welt: „Vernichten Schulen Kreativität?“, „Die einfache Lösung für Fast Fashion“, „Die Macht der Introvertierten“. Was hier auch deutlich wird: Jeder Titel fokussiert stark und nutzt nur wenige Worte.
Zum Vergleich ein paar Beatles-Titel: „Strawberry fields forever“, „Here comes the sun“, „Yesterday“. Ein-Wort-Titel halte ich bei Vorträgen für eine Herausforderung. Susan Caines Buch zum Talk über die Macht der Introvertierten heißt im Original schlicht „Quiet“. Auch ein hervorragender Titel für einen Vortrag.
2. Nutze die 3-Akt-Struktur
Während Songs zwischen Strophen und Refrain pendeln, braucht ein Vortrag eine etwas andere Gliederung: Anfang, Mitte, Ende. Die Mitte ist dabei der längste Teil. Er nimmt ca. 70 bis 80 Prozent der Zeit ein, während Anfang und Ende knapp sein sollten. Während der Anfang mich ins Thema zieht, idealer Weise mit einer Story, zielt das Ende auf den Call to Action. Was ist jetzt zu tun?
Vom Song lernen wir für Präsentationen das Timing. Symmetrie ist ein starkes Prinzip. Anfang und Ende etwa gleich lang, Elemente werden wiederholt. Der Mittelteil ist ebenfalls unterteilt in verschiedene Themengruppen, die sich dieser Länge anpassen. Zum Beispiel: 15 Minuten Gesamtlänge, jeweils 3 Minuten für Anfang und Ende und 3×3 Minuten für den Mittelteil. Es geht am Ende nicht darum, das exakt einzuhalten – alles nur Richtwerte.
3. Wiederhole
Auch innerhalb der Dreiaktstruktur ist Raum für einen Refrain. Barack Obama spielt mit den Worten „Yes, we can“ in seiner Inaugurationsrede, Trump mit „Make America great again“. Das berühmteste Beispiel, das einen Vortrag zu Musik werden lässt, ist Martin Luther Kings Rede „I have a dream“.
Mein ehemaliger Chef Hubert Burda baute Songs direkt in seine Ansprache ein, gerne immer wieder „We will, we will rock you.“ Auch das geht. Wichtig scheint mir die Wiederholung der Schlüsselphrasen, damit wir sie uns merken können. Ob mit den Worten von Queen oder eigenen.
4. Pendle zwischen zwei Ebenen
Jetzt kommen die Sinuswellen ins Spiel, die Musik oder Töne als ein Auf und Ab zeigen – als Schwingung. Um diese Schwingung zu erzeugen, braucht ein Vortrag zwei Ebenen, zwischen denen er pendelt. Etwa: gestern und morgen. Oder: emotional und faktisch. Stillstand und Change. Und so weiter.
Die Grafik zeigt den TED-Talk von Josephine Philips: „Die einfache Lösung für Fast Fashion.“ Man sieht deutlich: Sie baut ihren Vortrag exakt zwischen diesen Polen auf, die sich perfekt ergänzen. Erst die Story, dann die Fakten, dann wieder Story etc.. Nun läuft der Vortrag formal und auch inhaltlich wie Musik, die wir vom Aufbau intuitiv verstehen.
5. Halte die Spannung
Für die Spannung sorgt eine zweite Ebene der Dramaturgie, die die Welle nicht zeigt. Am Beispiel von Josephine Philips passiert Folgendes: Ihr Thema rückt immer näher an mich heran. Erst die Oma, dann die Schwester, dann sie selbst, dann das Publikum und schließlich jede und jeder von uns im Publikum oder am Screen.
Während ich zu Beginn vielleicht noch gedacht habe, nicht so sehr mein Thema, ist das, was so harmlos mit dem gelben Kleid der Großmutter begann, keine 10 Minuten später genau das: auch mein Thema. In der Musik gibt es viele Vorbilder für diese Art Struktur – auch im reinsten Pop, etwa bei Nenas „99 Luftballons“.
6. Setze Pausen gezielt ein
Die Pausen sind die Musik, sagen Musiker wie Claude Debussy und Miles Davis. Manchmal liegt die wahre Kraft der Musik im Ungesagten – in der Pause, die einatmet, bevor die Musik wieder erklingt.
Miles Davis zeigt uns, dass Stille genau so eine Entscheidung ist wie jeder einzelne Ton. In diesen Momenten des Innehaltens entfaltet sich die Magie zwischen den Noten und lässt uns hören, was ansonsten verborgen bliebe.
In Vorträgen und Präsentationen brauchen wir ebenso Pausen. Wenn etwas Wichtiges und Bedeutsames folgt oder auch danach. Pausen sind wie stille Ausrufezeichen. Ex-Kanzler Helmut Schmidt war ein Meister der Pause.
7. Nutze deine Stimme wie ein Instrument
Es geht nicht darum, Vorträge zu singen. Die Idee ist vielmehr, unsere Stimme nicht nur als Überträgerin von Botschaften zu sehen, sondern auch als ein Instrument, das Emotionen erzeugt. Wärme etwa oder Neugier.
Jede Stimme ist wie ein „Fingerabdruck der Seele“, sagt Stewart Pearce, der als Sprachtrainer von Prinzessin Diana tätig war. Es ist diese einzigartige Kombination aus Klang, Tonhöhe, Resonanz, Energie, Rhythmus und Musikalität. Der französische Schriftsteller Roland Barthes hat der „Körnung der Stimme“ und ihrer Wirkung einen eigenen Aufsatz gewidmet.
Dessen sollten wir uns bewusst werden und ganz gezielt die Möglichkeiten unserer Stimme wie ein Instrument nutzen, um Menschen zu berühren, zu bewegen und sie für unsere Sache zu gewinnen.
