Diese 10 Lektionen in Business Storytelling von Alex Karp fand ich in einem Interview, das der Palantir-CEO für ein deutsches Publikum führt. Interviewt wird er von einem deutschen Kollegen. Das Gespräch findet auf Deutsch statt. Es geht Karp, so meine Einschätzung, darum, ein (neues / anderes / positives) Bild von Palantir und auch von seiner Person zu zeichnen.
Das Interview ist von 2022. Schon zu dieser Zeit war Palantir in Deutschland umstritten, obwohl es von einigen Behörden zur Verbrechensbekämpfung eingesetzt wird. Umstritten vor allem deshalb, weil Kritiker massive Eingriffe in den Datenschutz und die Grundrechte durch die automatisierte Analyse riesiger Datenmengen befürchten. Dazu sehen sie eine gefährliche technologische Abhängigkeit von einem US-Unternehmen sehen, fürchten die politische Gesinnung des Mitgründers Peter Thiel sowie die mangelnde Transparenz der Software („Blackbox“).
Wie bewältigt Karp, der lange in Deutschland gelebt und dort auch promoviert hat, die Herausforderung, sein Unternehmen für Deutsche in ein günstigeres Licht zu rücken?
Was Karp in dem Interview macht: Er setzt auf Emotionen, um Nähe herzustellen. Dazu nutzt er seine eigene Biographie sowie sein Wissen um die deutsche Weltsicht und Kultur. Auf der anderen Seite verwendet er Fakten – gerade bezogen auf den Datenschutz. Und schließlich findet er starke Formulierungen, die haften bleiben: Software ist Kunst ist so eine Formulierung. Oder: Wir sind der Welt immer sieben Jahre voraus.
Die 10 Lektionen in Business Storytelling von Alex Karp
1. Die Sprache: Deutsch statt Englisch
Beide, Karp und sein Interviewer, sprechen Deutsch. So entsteht von Anfang an Nähe. Alex Karp spricht, wie sich herausstellt, besser Deutsch als die meisten Deutschen Englisch. Das unterscheidet ihn massiv von seinen Silicon-Valley-Kollegen.
2. Das Setup: Natur statt Office
Das Interview findet nicht in einem Büro statt, sondern auf dem Dachboden eines Anwesens nahe Kanada, in der Karp, nach eigenen Worten, in einer Art Karl-May-Fantasie lebt. Kein Glaspalast, keine Techie-Umgebung. Stattdessen der hölzerne Dachboden einer Scheune. Das schafft eine persönlichere Atmosphäre.
3. Die Kleidung: Orangefarbene Weste statt Blazer
Alex Karp gibt sich als CEO betont leger. Er trägt genau das, was er trägt, wenn er auf dem Land ist. Keine Verkleidung. Seine orangefarbene Weste trägt dazu bei, Nähe und Authentizität zu verstärken. Allein die Farbe vermittelt Wärme und Optimismus.
4. Der Einstieg: Karl May statt Trump
Karp zitiert von Anfang an deutsche Dichter und Denker: Karl May, Heinrich Heine, GWF Hegel. Er zeigt, wie sehr sein Denken von der deutschen Kultur beeinflusst ist.
5. Die Biografie: Leben und studieren in Deutschland statt in den USA
Karp erzählt, wie er nach Deutschland kam. Was schätzt er an Deutschland? Die Tiefe, die Möglichkeit, auch abweichende Meinungen zu vertreten, die Unaufgeregtheit. So wird ganz deutlich, wie sehr seine Biographie von Deutschland in positiver Weise geprägt ist.
6. Die Brücke: Deutsch-amerikanischer Geist statt rein amerikanischer Geist
Um eine Brücke zwischen Palantir und Deutschland zu bauen, erklärt Karp, in welcher Weise die Produkte des Unternehmens von deutscher Gründlichkeit beeinflusst sind. Er beschreibt die Vorgehensweise von Palantir in der Gründungsphase. Das Nein zu vorschnellen Lösungen.
7. Der Unterschied: Kunst statt Wissenschaft
Den großen Unterschied zu einem rein deutschen Vorgehen sieht er darin, dass Palantir zwar in die Tiefe geht, aber immer mit dem Fokus auf ein Produkt, das Menschen nützt. Der Deutsche, wie er ihn sieht, droht sich in wissenschaftlicher Genauigkeit zu verlieren. Die Metapher für das, was Palantir als Softwareunternehmen auszeichnet, ist das Künstlertum. Wir machen Kunst anstatt in Schablonen zu denken, sagt Karp. Künstler laufen damit der Wissenschaft immer vorweg. Dieser Unterschied markiert das Besondere an Palantir. Natürlich kennt Karp die Debatte um Deutschlands Verschlafen der Digitalisierung.
8. Die Vermarktung: vermasselt
Das sei auch deutsch an Palantir, man kümmere sich zu wenig um die Vermarktung. Keine flashy Videos, nichts. Karp sagt kurz: Das haben wir total vermasselt. Mit dieser Selbstironie wird deutlich, dass Palantir auch nicht sicher vor deutschen Eigenarten ist – was allerdings den Erfolg des Unternehmens nicht verhindert hat.
9. Die Superkraft: Datenschutz statt Datenmissbrauch
Eine der wichtigsten Stellen in dem Interview betont, wie perfekt gerade Palantir das komplexe Regelsystem des deutschen Datenschutzes abbilden kann. Das erklärt Karp vor dem Hintergrund der Streits um die Nutzung von Palantir, z.B. um Straftaten zu verhindern, indem die Software gigantische Mengen unterschiedlicher Daten (z.B. aus Polizeidatenbanken, Meldedaten) zusammenführt, Muster erkennt und Netzwerke von Kriminellen aufdeckt. Während viele andere Punkte auf emotionale Nähe abzielen, geht es hier um die Logik des Produkts, die oft nicht verstanden wird.
10. Die Perspektive: 7 Jahre in der Zukunft statt im Jetzt
Alex Karp erklärt die Perspektive von Palantir auf einfache und überraschende Art: Wir sind 7 Jahre voraus. Es dauert so lange, bis die Leute verstehen, dass und wozu sie die Palantir-Produkte brauchen können. Mit anderen Worten: Wer jetzt zweifelt, ist nicht allein. Und: Wer jetzt schon von morgen sein will, der sei willkommen bei Palantir. Unter den 10 Lektionen in Business Storytelling von Alex Karp ist das eine sehr spannende: Zu behaupten, man sei längst in der Zukunft. Apple macht das ganz ähnlich, zum Beispiel mit den iPhones.